Schildhorn – “Lieblingsziel der Berliner SonntagsAusflügler”
Zu Ostern beginnt die. kurze, risikoreiche Saison der Berliner Gartenlokale. Erfahrungsgemäß ist es die Woche über schön, aber wenn der Sonntag naht, schlagt das Wetter um, und der leidgeprüfte Wirt schaut vergeblich nach den heißersehnten Gästen aus. Diese Tatsache und andere Umstände haben dazu geführt, daß beispielsweise von dem halben Dutzend Gartenwirtschaften auf Pichelswerder nur eine übriggeblieben ist. Und Erich Brunow, der Wirt des “Ersten (und ältesten) Schildhorn-Restaurants” hat Anno 1970 wegen Personalmangels auch das Aufbrühen mitgebrachten Kaffees einstellen müssen. Wenn ich recht unterrichtet bin, war Schildhorn der letzte Platz in Ber-
lin, wo “Familien Kaffee kochen” konnten. 163
Genau 200 Jahre ist der in Treptow aufgekommene volkstümliche Brauch alt geworden. Neben dem “Hier kann geroll t werden” soll es das einzige gewesen sein, was man in Preußen ohne obrigkeitliche Genehmigung tun konnte. Im Gegensatz zu England, wo alles erlaubt ist, was man nicht ausdrücklich verboten hat, soll nämlich im alten Preußen grundsätzlich alles verboten gewesen sein bis auf das, was man offfziell erlaubt hatte.
Doch zurück zu Schildhorn, das bereits 1884 als “Lieblingsziel der Berliner Sonntags-Ausflügler” charakterisiert wurde und jedem Spree-Athener seit den Schultagen vertraut ist. Schon früh wurde man mit der Schildhornsage bekannt gemacht; dann sah man sich an Ort und Stelle das Denkmal an, das Friedrich Wilhelm IV. 1845 auf der Halbinsel Schildhorn errichten ließ. Es erinnert an eine heftige Schlacht zwischen Wenden und Deutschen, in der letztere den Sieg errangen. Der Heerführer der \’1/ enden, Jaczo von Köpenick, flüchtete vom Schlachtfeld in der Groß-Glienicker Gegend an die Havel und wagte, von den verfolgenden Deutschen hart bedrängt, den Ritt durch die fast einen Kilometer breite Wasserfläche. Als er merkte, daß seinem Pferd die Kräfte schwanden, gelobte der heidnische Fürst im Fall der Rettung den übertritt zum Christentum. Tatsächlich erreichte er das Ufer, und der bekehrte J aczo hängte Schild und Horn an einem Baum auf der rettenden Landzunge auf, die seitdem Schildhorn genannt wird.
Das Kampferlebnis des Herrn Jaczo, der ausweislich von ihm geprägter Münzen bereits Christ war, haben die Historiker in die Mitte des 12. Jahrhunderts verlegt. Die Sage aber taucht erstmals 1730 in Gundlings Buch “Leben und Taten Markgrafs Albrechts des Bären” auf, nennt jedoch Sakrow bei Potsdam als Schauplatz sowie Pribislav (den Onkel Jaczkos) und Albrecht den Bären als Kontrahenten; sie weiß auch nichts vom Gelöbnis des Christwerdens. Die Schildhornsage in der uns geläufigen Fassung wird zuerst 1828 in einem Buch des Gymnasiallehrers Valentin Schrriidt erzählt, “einem Manne, dessen
164 gründliches Wissen in einer sehr lebhaften Einbildungs-
kraft und dem heitersten Humor ein Gegengewicht fand”, wie der gelehrte Berghaus 1854 im “Landbuch der Mark Brandenburg” anmerkte. Kurzum, die Mar von der Flucht über die Havel dürfte eine Erfindung des Herrn Schrnidt sein.
Der früheste urkundliche Beleg des Namens Schildhorn ist im Spandauer Erbregister von 1590 ermittelt, wo ein Garnzug der Havelfischer “der Schildhorn” heißt. Auf den Karten erscheint das Schildhorn spät; die Friedrich Nicolais Stadtbeschreibung von 1786 beigegebene Oesfeldsehe Karte der “Gegend um Berlin” ist die erste, die es kennt. Doch dann reißt die überlieferung nicht mehr ab, und Bratring verzeichnet “Schildhorn, Etablissement einiger Büdner, nahe bei Spandow, an der Teltowischen Heide” im 1805 herausgebrachten zweiten Band seiner “Statistisch-topographischen Beschreibung der gesammten Mark Brandenburg” .
Bis zum Ende der 1850er Jahre bestand Schildhorn nur aus einigen wenigen strohgedeckten Fischerhäusern und
Sonntag in Schildhorn.
Federzeichnung von Hans Baluschek, 1910
165
einer Holzwärterbude der “Königlichen Forst-Ablage”, von der das im Grunewald geschlagene Holz über die Havel geflößt wurde. Dann begann recht zögernd der Wirthausbetrieb, anfänglich nur im Sommer und in sehr bescheidener Weise. Der eigentliche Auftrieb, die Entwicklung zu drei großen Restaurants mit ihren 3000 Personen fassenden Gastgarten. kam mit der 1875 erbauten Havelchaussee, vor allem aber mit dem 1879 eröffneten, eigens für den Ausflüglerverkehr geschaffenen Bahnhof Grunewald. Daß hier tagsüber während einiger Stunden mehrere Zehntausende ankamen und am Abend innerhalb einer Stunde wieder nach Hause fahren wollten, haben, nur jene noch erlebt, die unter Kaiser Wilhelm die Schulbank drückten. Man mußte mehrere Züge abwarten und sich dann noch mit zwanzig anderen Ausflüglern zusammen gegenseitig in einem Abteil auf die Füße treten, das nur für zehn Fahrgäste berechnet war.
“Toll brauset der Strom des Lebens in Schildhorn: Unaufhörlich fluten die Scharen hernieder vom Walde, Dampfer zum Sinken gefüllt durchgleiten die friedliche Havel. Alle Tische besetzt, und wieder bringen die Kremser neue Gäste heran; die Kellner schwitzen beträchtlich.” Diese Zeilen aus einem Poem des Jahres 1911 beleuchten die Situation in Schildhorn, als dort die Wirte Schröder, Schmidt und Ritzhaupt sich um das Wohl ihrer Gäste bemühten, es jedoch wegen des ungeheuren Andrangs nicht immer schafften, jeden zufriedenzustellen.
Ritzhaupt gibt es nicht mehr. Das seit 1898 in zwei Generationen von der Familie bewirtschaftete, aus einem “halben Büdnergut der verehelichten Arbeitsmann Charlotte Louise Schulz, geb. Rietz”, hervorgegangene Lokal wurde 1965 durch ein gewerkschaftliches Erholungsheim für Bauarbeiter abgelöst. Auf dem jetzt vom “Wienerwald” bewirtschafteten ehemals Richtersehen Grundstück stehen aber noch die vor achtzig Jahren errichteten Säle und Gartenhallen, auch noch das alte, hundertjährige Wohnhaus. Ein paar Jahre älter ist Schildhorn Nr. 3, ein kleines, kurz vor 1870 vom Wegewärter Schemmel erbau-
166 tes Haus, das vier Reliefmedaillons mit symbolischen
Darstellungen der Jahreszeiten zieren. Hans Ritzhaupt hat es seinerzeit als Alterssitz erworben. Es wird jetzt von seiner Tochter bewohnt. Sie ist in Schildhorn geboren und hat die siebzig Jahre ihres Lebens immer hier verbracht. Kein Wunder, daß sie zu erzählen weiß – von dem, was sich einst hier tat und noch tut.
Zu Ostern beginnt die. kurze, risikoreiche Saison der Berliner Gartenlokale. Erfahrungsgemäß ist es die Woche über schön, aber wenn der Sonntag naht, schlagt das Wetter um, und der leidgeprüfte Wirt schaut vergeblich nach den heißersehnten Gästen aus. Diese Tatsache und andere Umstände haben dazu geführt, daß beispielsweise von dem halben Dutzend Gartenwirtschaften auf Pichelswerder nur eine übriggeblieben ist. Und Erich Brunow, der Wirt des “Ersten (und ältesten) Schildhorn-Restaurants” hat Anno 1970 wegen Personalmangels auch das Aufbrühen mitgebrachten Kaffees einstellen müssen. Wenn ich recht unterrichtet bin, war Schildhorn der letzte Platz in Berlin, wo “Familien Kaffee kochen” konnten.
Genau 200 Jahre ist der in Treptow aufgekommene volkstümliche Brauch alt geworden. Neben dem “Hier kann gerollt werden” soll es das einzige gewesen sein, was man in Preußen ohne obrigkeitliche Genehmigung tun konnte. Im Gegensatz zu England, wo alles erlaubt ist, was man nicht ausdrücklich verboten hat, soll nämlich im alten Preußen grundsätzlich alles verboten gewesen sein bis auf das, was man offfziell erlaubt hatte.
Doch zurück zu Schildhorn, das bereits 1884 als “Lieblingsziel der Berliner Sonntags-Ausflügler” charakterisiert wurde und jedem Spree-Athener seit den Schultagen vertraut ist. Schon früh wurde man mit der Schildhornsage bekannt gemacht; dann sah man sich an Ort und Stelle das Denkmal an, das Friedrich Wilhelm IV. 1845 auf der Halbinsel Schildhorn errichten ließ. Es erinnert an eine heftige Schlacht zwischen Wenden und Deutschen, in der letztere den Sieg errangen. Der Heerführer der Wenden, Jaczo von Köpenick, flüchtete vom Schlachtfeld in der Groß-Glienicker Gegend an die Havel und wagte, von den verfolgenden Deutschen hart bedrängt, den Ritt durch die fast einen Kilometer breite Wasserfläche. Als er merkte, daß seinem Pferd die Kräfte schwanden, gelobte der heidnische Fürst im Fall der Rettung den übertritt zum Christentum. Tatsächlich erreichte er das Ufer, und der bekehrte J aczo hängte Schild und Horn an einem Baum auf der rettenden Landzunge auf, die seitdem Schildhorn genannt wird.
Das Kampferlebnis des Herrn Jaczo, der ausweislich von ihm geprägter Münzen bereits Christ war, haben die Historiker in die Mitte des 12. Jahrhunderts verlegt. Die Sage aber taucht erstmals 1730 in Gundlings Buch “Leben und Taten Markgrafs Albrechts des Bären” auf, nennt jedoch Sakrow bei Potsdam als Schauplatz sowie Pribislav (den Onkel Jaczkos) und Albrecht den Bären als Kontrahenten; sie weiß auch nichts vom Gelöbnis des Christwerdens. Die Schildhornsage in der uns geläufigen Fassung wird zuerst 1828 in einem Buch des Gymnasiallehrers Valentin Schrriidt erzählt, “einem Manne, dessen gründliches Wissen in einer sehr lebhaften Einbildungskraft und dem heitersten Humor ein Gegengewicht fand”, wie der gelehrte Berghaus 1854 im “Landbuch der Mark Brandenburg” anmerkte. Kurzum, die Mar von der Flucht über die Havel dürfte eine Erfindung des Herrn Schrnidt sein.
Der früheste urkundliche Beleg des Namens Schildhorn ist im Spandauer Erbregister von 1590 ermittelt, wo ein Garnzug der Havelfischer “der Schildhorn” heißt. Auf den Karten erscheint das Schildhorn spät; die Friedrich Nicolais Stadtbeschreibung von 1786 beigegebene Oesfeldsehe Karte der “Gegend um Berlin” ist die erste, die es kennt. Doch dann reißt die überlieferung nicht mehr ab, und Bratring verzeichnet “Schildhorn, Etablissement einiger Büdner, nahe bei Spandow, an der Teltowischen Heide” im 1805 herausgebrachten zweiten Band seiner “Statistisch-topographischen Beschreibung der gesammten Mark Brandenburg” .
Bis zum Ende der 1850er Jahre bestand Schildhorn nur aus einigen wenigen strohgedeckten Fischerhäusern und einer Holzwärterbude der “Königlichen Forst-Ablage”, von der das im Grunewald geschlagene Holz über die Havel geflößt wurde. Dann begann recht zögernd der Wirthausbetrieb, anfänglich nur im Sommer und in sehr bescheidener Weise. Der eigentliche Auftrieb, die Entwicklung zu drei großen Restaurants mit ihren 3000 Personen fassenden Gastgarten. kam mit der 1875 erbauten Havelchaussee, vor allem aber mit dem 1879 eröffneten, eigens für den Ausflüglerverkehr geschaffenen Bahnhof Grunewald. Daß hier tagsüber während einiger Stunden mehrere Zehntausende ankamen und am Abend innerhalb einer Stunde wieder nach Hause fahren wollten, haben, nur jene noch erlebt, die unter Kaiser Wilhelm die Schulbank drückten. Man mußte mehrere Züge abwarten und sich dann noch mit zwanzig anderen Ausflüglern zusammen gegenseitig in einem Abteil auf die Füße treten, das nur für zehn Fahrgäste berechnet war.
“Toll brauset der Strom des Lebens in Schildhorn: Unaufhörlich fluten die Scharen hernieder vom Walde, Dampfer zum Sinken gefüllt durchgleiten die friedliche Havel. Alle Tische besetzt, und wieder bringen die Kremser neue Gäste heran; die Kellner schwitzen beträchtlich.” Diese Zeilen aus einem Poem des Jahres 1911 beleuchten die Situation in Schildhorn, als dort die Wirte Schröder, Schmidt und Ritzhaupt sich um das Wohl ihrer Gäste bemühten, es jedoch wegen des ungeheuren Andrangs nicht immer schafften, jeden zufriedenzustellen.
Ritzhaupt gibt es nicht mehr. Das seit 1898 in zwei Generationen von der Familie bewirtschaftete, aus einem “halben Büdnergut der verehelichten Arbeitsmann Charlotte Louise Schulz, geb. Rietz”, hervorgegangene Lokal wurde 1965 durch ein gewerkschaftliches Erholungsheim für Bauarbeiter abgelöst. Auf dem jetzt vom “Wienerwald” bewirtschafteten ehemals Richtersehen Grundstück stehen aber noch die vor achtzig Jahren errichteten Säle und Gartenhallen, auch noch das alte, hundertjährige Wohnhaus. Ein paar Jahre älter ist Schildhorn Nr. 3, ein kleines, kurz vor 1870 vom Wegewärter Schemmel erbautes Haus, das vier Reliefmedaillons mit symbolischen Darstellungen der Jahreszeiten zieren. Hans Ritzhaupt hat es seinerzeit als Alterssitz erworben. Es wird jetzt von seiner Tochter bewohnt. Sie ist in Schildhorn geboren und hat die siebzig Jahre ihres Lebens immer hier verbracht. Kein Wunder, daß sie zu erzählen weiß – von dem, was sich einst hier tat und noch tut.
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Dieser Eintrag wurde am Samstag, 09. Januar 2010 um 02:46 erstellt und ist abgelegt unter BerlinGeschichten. Mit dem RSS 2.0 Feed kannst du den Antworten zu diesem Artikel folgen.
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