Eine entscheidende Aufgabe für die Zukunft unserer Stadt ist die Schaffung genügenden Wohnraums. Obwohl wir in West-Berlin bereits über 100.000 Wohnungen mehr haben als vor dem Kriege, gibt es noch immer Zehntausende von Familien, die eine Wohnung suchenund das bei stetiger Abnahme der Einwohnerzahl. Die Gründe dafür liegen in der Tatsache, daß man heute ganz andere Ansprüche an eine Wohnung stellt als etwa vor zwanzig Jahren.
Mit den gesteigerten Einnahmen haben sich auch die Vorstellungen potenziert, die inan von einer modernen Wohnung hat. Dazu kommen die noch immer nicht gänzlich behobenen Kriegs- und Alterungsschäden vieler Wohnhäuser, deren sich seit einigen Jahren die Aktion “Stadterneuerung” des Bausenators annimmt.
Die Sanierung hat das Ziel, heruntergekommene und verwahrloste Gebiete sozial und wirtschaftlich wieder zu vollwertigen Teilen unseres Gemeinwesens zu machen. Inzwischen ist es gelungen, rund 20000 sanierungsbedürftige Wohnungen zu räumen und die Bewohner aus ihrem “Kietz” (den sie oft nur ungern verließen) in neue Wohnstätten im umstrittenen Märkischen Viertel, in der Gropiusstadt oder im Falkenhagener Feld umzusetzen.
Von den sechs ins erste Stadterneuerungsprogramm auf-genommenen Sanierungsgebieten in den Bezirken Tiergarten, Wedding, Kreuzberg, Neukölln, Charlottenburg und Schöneberg ist das Weddinger mit 186 Hektar das bei weitem größte. Es reicht vom Bahnhof Gesundbrunnen bis zur Bernauer Straße und wird im Westen von der Stettiner Bahn, im Osten vom Güterbahnhof der Nordbahn begrenzt.
Ein Blick auf die amtliche Karte dieses Sanierungsgebiets läßt erkennen, daß die 186 Hektar zu hoch gegriffen sind. Sie schließen nämlich die 26 Hektar des Humboldthains mit ein sowie das Industriegelände der AEG (15 Hektar) und der Schwartzkopff-Werke (4 Hektar), auch zwanzig Hektar Eisenbahnflächen, wo es keinen \Vohnungsbau zu sanieren gibt. Halten wir uns darum an die erneuerungsbedürftigen Wohnungen, deren Zahl 16 000 beträgt. Davon sind bis jetzt mehr als 3000 frei gemacht oder abgebrochen worden, während über 1000 neu entstanden.
Auch der “Versöhnungs-Privatstraße” geht es an den Kragen, jener einst als “Sehenswürdigkeit Berlins” gepriesenen und als solche in den Baedeker aufgenommenen Wohnstraße des Vaterländischen Bauvereins. Von der Hussitenstraße 4-5 erstreckt sie sich 200 Meter lang über ein maximal achtzig Meter breites Gelände von ewas mehr als 7000 Quadratmetern bis zur StrelitzerStraße 43.
Der vor über siebzig Jahren, im Juli 1902, auf Anregung des Jungmännervereins der Versöhnungsgemeinde, des Evangelischen Arbeitervereins und der christlichen Ge-werkschaften gegründete, in seinen Anfängen bewußt fürsorgerischen und politisch konservativen Charakter zeigende Vaterländische Bauverein trat mit nur 69 Mitgliedern ins Leben. Ein Jahr später zählte er bereits 370 Baugenossen. Doch wichtiger als diese – zumeist waren es kleine und mittlere Beamte der Post und Eisenbahn erwiesen sich die “hochgestellten Gönner und Freunde”, allen voran der wegen seiner sozialen Gesinnung im Kaiserreich als “roter Graf” geschmähte preußische Staatsminister Arthur Graf von Posadowsky-Wehner.
Sie ermöglichten es, daß die junge Baugenossenschaft bereits 1903-04 ihre erste Wohnanlage, die Versöhnungs-Privatstraße, mit 208 Ein- bis Dreizimmerwohnungen, 43 Einzelzimmern “für alleinstehende weibliche Personen” und fünf Läden mit einem Kostenaufwand von 1,3 Millionen Mark errichten konnte.
Der beauftragte Architekt, Baurat und Dombaumeister Georg Schwartzkopff, wollte vom berüchtigten Berliner Hinterhof wegkommen und gestaltete sechs “Gartenhöfe”, wie er sie nannte. Da es letzten Endes doch Hinterhöfe waren und blieben, versuchte er sie dadurch zu kaschieren, daß er die Fronten der Gebäude in den ver-schiedenen Stilen der deutschen Architekturgeschichte dekorierte. Sein Programm war, die Entwicklung Berlins vom Fischerdorf (an das damals selbst die Historiker noch glaubten) bis zur Kaiserstadt zu zeigen. Der Stilbruch begann gleich mit dem Eingangshaus an der Hussitenstraße und dem ersten (Romanischen) Hof, in dem fünfgeschossige Häuser “in das 12. Jahrhundert zurückführten, wo Berlin noch ein armseliges Fischerdorf war”. So zu lesen in der 1927 zum 25 jährigen Bestehen des Vaterländischen Bauvereins erschienenen Festtschrift.
Die weiteren Höfe waren dem gotischen Backsteinbau, der barocken Putzarchitektur und anderen, mehr oder minder gelungenen Stilkopien gewidmet; ursprünglich auch reich mit stuckierten Plastiken und bunten Wandmalereien geschmückt.
Von alledem ist nach einem schweren Bombenangriff im Mai 1944, der fünf Häuser zerstörte und die restlichen fünfzehn stark beschädigte, wenig übriggeblieben, da man bei der Erneuerung nach dem Kriege auf die Wiederherstellung der architektonischen Maskerade verzichtete. Allein der Nürnberger Hof läßt noch die alte Konzeption erkennen, obwohl auch er schmückende Erker und Giebel eingebüßt hat. Jetzt v<rrlor er seinen südöstlichen Flügel, weil man den verhältnismäßig engen, dreieckigen Hof öffnete und mit modernen Neubauten an der Bernauer Straße verband.
Dieser Absicht stand auch das in den achtziger Jahren gebaute Wohnhaus Strelitzer Straße 44 im Wege. Mit seinem Abbruch verschwanden die Putzdekorationen des sechsten Hofes, der Berlin aus der Zeit der Kaiserstadt versinnbildlichen sollte. Hier sah man die Gestalt des alten Kaisers über den Büstenreliefs seiner Paladine Bismarck und Moltke. Dazu in verwitterten Frakturbuchstaben die als “Novemberbotschaft” in die Sozialgeschichte eingegangene Adresse Kaiser Wilhelms 1. von 1881 an den Reichstag, in der offen davon gesprochen wurde, daß “die Heilung der sozialen Schäden nicht ausschließlich im Wege der Repression sozialdemokratischer Ausschreitungen, sondern gleichzeitig auf dem der positiven Förderung des Wohles der Arbeiter zu suchen sein werde”.
Daraufhin wurden in rascher Folge 1883 die Krankenversicherung, ein Jahr später die Unfallversicherung und 1889 die Alters- und Invalidenversicherung vom Parlament verwirklicht.
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