Für Spreegötter zelebriert: Krebssuppe

Krebssuppe – zelebriert für Spreegötter
Mehr als vierzig Jahre ist es schon her. Wir – ein paar Freunde aus dem Wandervogel- hatten in
der Vorweihnachtszeit zu abendlicher Stunde die Christmette in der Nikolaikirche besucht und
waren anschließend durch das (damals noch völlig intakte) älteste Berlin rund um den
Molkenmarkt gegangen, wo man kaum Passanten, wohl aber einen Laternenanstecker traf, der
altersschwache Gaslaternen mit einem langen Stecken an ihre Pflichten erinnerte. Die Kirche war
zwar geheizt gewesen, aber was nutzte das schon in dem riesenhohen gotischen Raum, dessen
Gewölbe sich im schwachen Licht der Kerzen in der Dunkelheit auflösten.
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Dunkel war es auch im Krögel und in den anderen Gassen, die am Tage so ärmlich ausschauten und
jetzt im Scheine des Mondlichtes unerhört malerisch wirkten. Doch ließ sich nicht übersehen,
daß die in der Kirche schon unterkühlten Gebeine in der Frostnacht immer klammer wurden. Wir
haben uns dann bei Lutter und Wegner am Gendarmenmarkt mit zu Glühwein umfunktioniertem
Burgunder köstlich erholt und im Gespräch der einst hier verkehrenden großen und kleinen
Geister gedacht.
Warum wir nicht am Molkenmarkt geblieben sind und bei Hermann Schütze einkehrten? Ich weiß es
nicht mehr. Das große Eckhaus Molkenmarkt 4 I Stralauer Straße stand noch so, wie es Anfang des
18. Jahrhunderts erbaut und um 1850 neu fassadiert worden war. Noch wußte man nicht, daß es mit
dem gesamten Baublock westlich des Stadthauses bis hin zur schmalbrüstigen Parochialstraße dem
Abbruch geweiht war und einem (infolge des Zweiten Weltkrieges nie errichteten) städtischen
Verwaltungsgebäude Platz machen sollte. Vielleicht störten wir uns daran, daß man von Schütze
nur als »Boulettenkeller” sprach; möglicherweise auch daran, daß neben seinem Firmenschild das
der verwandtschaftlich und geschäftlich verbundenen »A. Donners Blutegelhandlung” hing.
Dabei konnte der Weinkeller von Schütze Geschichtsfreunden einiges bieten. Seine Gewölbe hatten
einst der berühmten Zornsehen Apotheke gedient, die aus der bereits 1488 priviligierten
Apotheke des Johann Zehender hervorgegangen war. In der Eingangshalle der Nikolaikirche waren
wir dem 1515 verstorbenen Apotheker begegnet, in Gestalt seines wohlgelungenen
Grabsteinporträts.
Hier im Schützeschen Keller hatte am 9. Juni 1701 in Gegenwart seines Lehrherrn, “itzgedachten
Zorns und einiger anderer”, der Apothekeraspirant Johann Friedrich Böttger “die Möglichkeit,
Gold zu machen, erwiesen.” Da im preußischen Berlin die Alchimisten als Adepten angesehen und
eingesperrt wurden, flüchtete Böttger nach Dresden – und erfand dort statt des gewünschten
Goldes
130 das Porzellan.
Im Zuge der Umgestaltung des Molkenmarkts mußte Schütze 1931 das geschichtsträchtige Domizil
verlassen. Er blieb aber in der Gegend, wo man ihn kannte, zog in die Molkenstraße 10 und
zelebrierte hier seine Berliner Krebssuppe, zu der man sich wochenlang vorher anmelden mußte.
Das behauptete jedenfalls Walther Kiaulehn, der es schließlich wissen mußte: “Es war ein
Meisterwerk aus Hühnern und Krebsen, ein Mittelding aus Suppe und Hühnerfrikassee, ganz
durchduftet von Krebsaroma, die Krebsköpfe mit einer Farce aus Gries und pulverisierten
Krebsschalen gefüllt, ein Essen für Spreegötter.”
In der Molkenstraße ausgebombt, eröffnete Schütze vier Jahre nach Kriegsende seine
“Historischen Weinstuben” gleich um die Ecke, Poststraße 23, im stadtbekannten
“Knoblauch-Haus”, einem der letzten architektur- und kulturgeschichtlichen bedeutsamen
Bürgerhäuser des alten Berlin, dessen Silhouette in den letzten Jahren durch gigantische
Wohntürme bizarren Charakter bekam.
Doch das völlig ohne Hof erbaute Haus an der Ecke zum Nikolaikirchplatz ist noch so geblieben,
wie es Nadlermeister Johann Christian Knoblauch 1759-61 für
Ruine der Nikolaikirche und Knoblauchhaus, 1972
131
10044 Taler 23 Groschen uad-S Pfennige aufführen und sein Enkel Karl1835 durch Stukkaturen im
Stile der Zeit schmücken ließ.
Ein Angehöriger der Familie, Direktor des 1868 von seinem Vater, einem ehemaligen
Gerichtsassessor, begründeten Böhmischen Brauhauses in der Landsberger Allee, hat in der
Zeitschrift des Vereins für die Geschichte Berlins ausführlich und bis ins einzelne sowohl die
Geschichte seiner Familie wie die des Stammhauses in der Poststraße dargelegt.
Unter den vielen Persönlichkeiten von Rang, die den Namen Knoblauch führen, nimmt der Enkel des
ersten Poststraßen-Knoblauchs einen bevorzugten Platz ein. Im Jahre 1793 geboren, hat Karl
Knoblauch bis zu seinem Tode (1859) die 1792 vom Vater ins Leben gerufene Seiden fabrik
weitergeführt, sich aber als Stadtverordneter, als Stadtrat und Vertreter Berlins auf dem
Kurmärkischen Landtag, später auch in der Ersten Kammer, politisch hervorragend betätigt und
schon als 39jähriger die Würde eines Stadtältesten errungen. Er kam mit dem Freiherrn vom Stein
in nahe Berührung, hat ihn auf Schloß Cappenberg besucht, und trat gelegentlich seiner
Tätigkeit im Vorstand des Vereins der Kunstfreunde im Preußischen Staat zu dem
geistig-geselligen Kreis der Männer um Wilhelm von Humboldt, Schadow, Schinkel, Beuth, Rauch,
Krüger, Wach, Tieck und anderen in freundschaftliche Beziehungen, von denen bis zu dem großen
Aufräumen mehr als 100 Tagebücher und ganze Aktenstöße mit dem Briefwechsel im Archivzimmer des
Knoblauch-Hauses beredte Kunde gaben.
Hermann Schütze aber hat sich 1958 von dem über 100 Jahre alten Familienunternehmen der
“Historischen Weinstuben” getrennt, das jetzt als HO-Betrieb mehr oder minder in seinem Sinne
weitergeführt wird. Jedoch ohne die legendäre Krebssuppe, auf die man schließlich
132 auch verzichten kann – wenn man muß.

Mehr als vierzig Jahre ist es schon her. Wir – ein paar Freunde aus dem Wandervogel- hatten in der Vorweihnachtszeit zu abendlicher Stunde die Christmette in der Nikolaikirche besucht und waren anschließend durch das (damals noch völlig intakte) älteste Berlin rund um den Molkenmarkt gegangen, wo man kaum Passanten, wohl aber einen Laternenanstecker traf, der altersschwache Gaslaternen mit einem langen Stecken an ihre Pflichten erinnerte. Die Kirche war zwar geheizt gewesen, aber was nutzte das schon in dem riesenhohen gotischen Raum, dessen Gewölbe sich im schwachen Licht der Kerzen in der Dunkelheit auflösten.

Dunkel war es auch im Krögel und in den anderen Gassen, die am Tage so ärmlich ausschauten und jetzt im Scheine des Mondlichtes unerhört malerisch wirkten. Doch ließ sich nicht übersehen, daß die in der Kirche schon unterkühlten Gebeine in der Frostnacht immer klammer wurden. Wir haben uns dann bei Lutter und Wegner am Gendarmenmarkt mit zu Glühwein umfunktioniertem Burgunder köstlich erholt und im Gespräch der einst hier verkehrenden großen und kleinen Geister gedacht.

Warum wir nicht am Molkenmarkt geblieben sind und bei Hermann Schütze einkehrten? Ich weiß es nicht mehr. Das große Eckhaus Molkenmarkt 4 I Stralauer Straße stand noch so, wie es Anfang des 18. Jahrhunderts erbaut und um 1850 neu fassadiert worden war. Noch wußte man nicht, daß es mit dem gesamten Baublock westlich des Stadthauses bis hin zur schmalbrüstigen Parochialstraße dem Abbruch geweiht war und einem (infolge des Zweiten Weltkrieges nie errichteten) städtischen Verwaltungsgebäude Platz machen sollte. Vielleicht störten wir uns daran, daß man von Schütze nur als »Boulettenkeller” sprach; möglicherweise auch daran, daß neben seinem Firmenschild das der verwandtschaftlich und geschäftlich verbundenen »A. Donners Blutegelhandlung” hing.

Dabei konnte der Weinkeller von Schütze Geschichtsfreunden einiges bieten. Seine Gewölbe hatten einst der berühmten Zornsehen Apotheke gedient, die aus der bereits 1488 priviligierten Apotheke des Johann Zehender hervorgegangen war. In der Eingangshalle der Nikolaikirche waren wir dem 1515 verstorbenen Apotheker begegnet, in Gestalt seines wohlgelungenen Grabsteinporträts.

Hier im Schützeschen Keller hatte am 9. Juni 1701 in Gegenwart seines Lehrherrn, “itzgedachten Zorns und einiger anderer”, der Apothekeraspirant Johann Friedrich Böttger “die Möglichkeit, Gold zu machen, erwiesen.” Da im preußischen Berlin die Alchimisten als Adepten angesehen und eingesperrt wurden, flüchtete Böttger nach Dresden – und erfand dort statt des gewünschten Goldes   das Porzellan.

Im Zuge der Umgestaltung des Molkenmarkts mußte Schütze 1931 das geschichtsträchtige Domizil verlassen. Er blieb aber in der Gegend, wo man ihn kannte, zog in die Molkenstraße 10 und zelebrierte hier seine Berliner Krebssuppe, zu der man sich wochenlang vorher anmelden mußte. Das behauptete jedenfalls Walther Kiaulehn, der es schließlich wissen mußte: “Es war ein Meisterwerk aus Hühnern und Krebsen, ein Mittelding aus Suppe und Hühnerfrikassee, ganz durchduftet von Krebsaroma, die Krebsköpfe mit einer Farce aus Gries und pulverisierten Krebsschalen gefüllt, ein Essen für Spreegötter.”

In der Molkenstraße ausgebombt, eröffnete Schütze vier Jahre nach Kriegsende seine ”Historischen Weinstuben” gleich um die Ecke, Poststraße 23, im stadtbekannten ”Knoblauch-Haus”, einem der letzten architektur- und kulturgeschichtlichen bedeutsamen Bürgerhäuser des alten Berlin, dessen Silhouette in den letzten Jahren durch gigantische Wohntürme bizarren Charakter bekam.

Doch das völlig ohne Hof erbaute Haus an der Ecke zum Nikolaikirchplatz ist noch so geblieben, wie es Nadlermeister Johann Christian Knoblauch 1759-61 für 10.044 Taler 23 Groschen und 5 Pfennige aufführen und sein Enkel Karl 1835 durch Stukkaturen im Stile der Zeit schmücken ließ.

Ein Angehöriger der Familie, Direktor des 1868 von seinem Vater, einem ehemaligen Gerichtsassessor, begründeten Böhmischen Brauhauses in der Landsberger Allee, hat in der Zeitschrift des Vereins für die Geschichte Berlins ausführlich und bis ins einzelne sowohl die Geschichte seiner Familie wie die des Stammhauses in der Poststraße dargelegt.

Unter den vielen Persönlichkeiten von Rang, die den Namen Knoblauch führen, nimmt der Enkel des ersten Poststraßen-Knoblauchs einen bevorzugten Platz ein. Im Jahre 1793 geboren, hat Karl Knoblauch bis zu seinem Tode (1859) die 1792 vom Vater ins Leben gerufene Seidenfabrik weitergeführt, sich aber als Stadtverordneter, als Stadtrat und Vertreter Berlins auf dem Kurmärkischen Landtag, später auch in der Ersten Kammer, politisch hervorragend betätigt und schon als 39jähriger die Würde eines Stadtältesten errungen. Er kam mit dem Freiherrn vom Stein in nahe Berührung, hat ihn auf Schloß Cappenberg besucht, und trat gelegentlich seiner Tätigkeit im Vorstand des Vereins der Kunstfreunde im Preußischen Staat zu dem geistig-geselligen Kreis der Männer um Wilhelm von Humboldt, Schadow, Schinkel, Beuth, Rauch, Krüger, Wach, Tieck und anderen in freundschaftliche Beziehungen, von denen bis zu dem großen Aufräumen mehr als 100 Tagebücher und ganze Aktenstöße mit dem Briefwechsel im Archivzimmer des Knoblauch-Hauses beredte Kunde gaben.

Hermann Schütze aber hat sich 1958 von dem über 100 Jahre alten Familienunternehmen der ”Historischen Weinstuben” getrennt, das jetzt als HO-Betrieb mehr oder minder in seinem Sinne weitergeführt wird. Jedoch ohne die legendäre Krebssuppe, auf die man schließlich  auch verzichten kann – wenn man muss.



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