Die “Schöneberger Engel” und ihre Eisenbahn

So mancher, der durch den Schöneberger Rudolph- Wilde-Park spaziert, wundert sich, ausgerechnet hier ein Denkmal zu finden, das ausweislich der Inschrift den im Weltkriege 1914 bis 1918 gefallenen Kameraden der deutschen Eisenbahntruppen gewidmet ist. Die Zeiten sind lange vorbei, als sogar im Verwaltungsbericht der Stadt Schöneberg betont wurde: “Das Militär spielt in Schöneberg eine hervorragende Rolle. Die Eisenbahn-Regimenter sind eine Mustertruppe. ”

Vor hundert Jahren, am 19. Mai 1871, hat es damit angefangen. In einer “Allerhöchsten Kabinetts-Order” genehmigte Kaiser Wilhelm 1. die “Formation eines Eisenbahn-Bataillons”, und zwar auf Anregung des Generalfeldmarschalls Moltke. Man nannte ihn den “großen Schweiger”, doch konnte der Perücken tragende alte Herr auf Gesellschaften recht beredt sein; vor allem, wenn eine hübsche junge Dame an seiner Rechten saß. Moltke hatte den nordamerikanischen Bürgerkrieg genau verfolgt und registriert, dass sich die dort zum ersten Mal verwendeten Feldeisenbahnkorps außerordentlich bewährt hatten. Automobile gab es ja noch nicht, auch später im deutschfranzösischen Kriege von 1870/71 nicht, wo man sich ebenfalls improvisierter Eisenbahnabteilungen bediente. Doch eine Friedensstammformation fehlte.

Das im Oktober 1871 aufgestellte erste Eisenbahnbataillon wurde zunächst in Baracken in Moabit untergebracht. Zwei Jahre später zog es nach Schöneberg, wo es zu mehreren Regimentern anwuchs, deren Kasernen zum Teil noch an der General-Pape-Straße stehen. Auch die in typisch preußischer Imponier-Architektur errichteten roten Backsteinkästen der früheren Bezirkskommandos sind ebenfalls noch vorhanden. Sie waren die Veranlassung, dass man von der “General-Pappkarton-Straße” sprach. Die zur militärischen Dienstleistung einberufenen Reservisten pflegten mit Pappkartons anzutreten, in denen sie dann ihre Zivilkleidung nach Hause schickten.

Die älteste Eisenbahnerkaserne jedoch stand dort, wo sich jetzt Schönebergs Schuljugend auf dem Sportplatz an der Kesselsdorfstraße tummelt. Gegen die Hinterhöfe der Hohenfriedbergstraße wird der Platz aber noch immer von der alten hohen Mauer begrenzt, die wir Jungens von der “Insel” während der Hungertage des Ersten Weltkrieges oft überklettert haben – die Wache ließ uns nicht vorbei -, um den gutmütigen Soldaten der inzwischen dort eingezogenen Kraftfahrabteilung ein Kommißbrot oder den eigenartig fade-süß schmeckenden, dennoch begehrten Zwieback der “Eisernen Ration” abzubetteln.

Der “Insel” zwischen den Gleisanlagen der Potsdamer und Anhalter Bahn gaben die “Schöneberger Engel” (wie sie wegen des großen “E” auf den Schulterklappen hießen) überhaupt das Gepräge. Hier lag der Bahnhof “Berlin” der Militärbahn, einer Vollbahn, die von der Kolonnenstraße bis nach Jüterbog fuhr und deren gesamter Betrieb – vom Billettknipser bis zum Stationsvorsteher und vom Lampenputzer über den Weichensteller bis zum Lokomotivführer – ausschließlich von Soldaten versehen wurde. Fahrgäste waren jedoch auch Zivilisten, und weil das Fahrgeld einen Groschen weniger betrug als bei der parallel laufenden Zossen er Bahn, wurde die Militärbahn bevorzugt. Doch für unsere Jungenstreiche waren die Eisenbahnpioniere nicht zu haben und lohnten den ihnen sattsam bekannten Scherz, dass wir die vom Schulausflug zum Rangsdorfer See mitgebrachten Stichlinge aus den Seltersflaschen in die Glasglocken der Abteilbeleuchtung umschütteten, mit einer schallenden Ohrfeige.

Den Bahnhof gibt es nicht mehr; nur seine Zufahrt mit der schönen Kastanienallee ist in der Kolonnenstraße neben den beiden Gebäuden des Altersheims noch kenntlich, die einst Offizierkasino und Brigadegeschäftshaus gewesen sind. Die Kolonnenstraße war als Magistrale der “Insel” überhaupt die Domäne der Eisenbahner. Die Schaukästen der Photographen mit Rekruten- und Reservistenbildern, die vielen “Schneidermeister für Zivil und Militär”, die aus den Fenstern schauenden zahlreichen Einjährig-Freiwilligen, die für die meisten “Schlummermütter” das Einkommen schlechthin bedeuteten, bildeten das äußerliche Kennzeichen der Straße. Hier sorgte auch “Mutter Strauchmann ” mit ihrem gern besuchten Restaurant für das leibliche Wohl der vom anstrengenden Dienst arg mitgenommenen Einjährigen, aus denen später namhafte Männer der Technik und der Baukunst, Ordinarien und Rektoren der Technischen Universitäten geworden sind.

Aus der Eisenbahntruppe hatte sich bereits 1884 ein “Ballon-Detachement” entwickelt, das dann zur Luftschifferabteilung wurde und mit der Verlegung nach Tegel (1901) praktisch die Anfänge des dortigen Düsenflughafens schuf. Als die Luftschiffer noch in Schöneberg stationiert waren, halfen sie dem Leipziger Buchhändler Dr. Hermann Wölfert bei der Konstruktion eines Luftschiffes, das 1896 auf der Gewerbeausstellung in Treptow gezeigt wurde. Nach mehreren geglückten Probefahrten startete Wölfert mit seiner “Deutschland” in den Abendstunden des 12. Juni 1897 vom Tempelhofer Feld aus, um Minuten später nach der Explosion des Vergasers abzustürzen. Der wagemutige Buchhändler und sein Mechaniker fanden dabei den Tod.

Wenige Monate später, am 3. November 1897, machte. der Unteroffizier Jagels mit dem Luftschiff des Holzhändlers Schwarz aus Agram, einer Konstruktion nach dem “starren System”, die Jungfernfahrt. Sie führte zwar bis auf 350 Meter Höhe, endete aber wegen des nicht recht leistungsfähigen und auch nicht genügend betriebssicheren Motors mit der Strandung auf dem unbebauten Schöneberger Südgelände. Graf Zeppelin musste sich das als Zaungast ansehen; denn den Zutritt zum Startplatz hatte das Kommando der Luftschifferabteilung dem General der Kavallerie a. D. und späteren kühnen Eroberer der Lüfte, schnöde verweigert.



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