Die Kadetten waren Carstenns Ruin

Seit 1958 mahnen Gedenktafeln neben der Einfahrt zu den “Andrews Barracks”, der Unterkunft amerikanischer Soldaten in der Lichterfelder Finckensteinallee, an die “Königliche Preußische Hauptkadettenanstalt zu GroßLichterfelde 1878-1920″, an das “Königliche Sächsische Kadettenkorps Dresden 1725-1920″ und an die Gefallenen bei der Weltkriege aus diesen Formationen, deren immer weniger werdende Angehörige sich noch alljährlich zum “Kadettentag” treffen.

Wenn die Dresdener Kadetten auf der Tafel das Gründungsjahr 1725 angeben, so hätten die preußischen sogar bis 1717 zurückgehen können. Denn am 1. September 1717 hat der “Soldatenkönig” Friedrich Wilhelm 1. das “Corps des cadets” als Bildungsanstalt für den Offiziernachwuchs ins Leben gerufen. Maßgebend war die Überlegung, eine neue Form für den Offizierstand zu finden, dem bis dahin fast ausschließlich Ausländer und Glücksritter angehört hatten. Der Preußenkönig zwang seine adligen Grundherren, das inhaltlos gewordene Verhältnis des Lehnsmannes zu seinem Lehnsherren in einer völlig gewandelten Gestalt des Offizierdienstes zu erneuern. Auch dachte er an eine Erziehungs- und Ausbildungsstätte für die jüngeren Söhne des Landadels, die – gegenüber den Erstgeborenen im Erbrecht stark benachteiligt – auf den abgelegenen Gütern ohne ausreichenden Unterricht aufwuchsen. Seine erste Unterkunft fand das mit 110 Zöglingen begründete Kadettenkorps im 1693 angelegten “Hetzgarten”, einem zirkusähnlichen Rundbau an der Stelle des heutigen Stadtgerichts in der Littenstraße in Ost-Berlin, der nach der grausamen Sitte jener Zeit zum Kampf wilder Tiere untereinander bestimmt war.

Ein altes Reglement verlangte von den Kadetten, dass sie “einen geschickten Leib, soliden Esprit, eine fertige Zunge und Feder sowie eine vorzügliche Conduite” haben sollten. Friedrich der Große gab den “Zöglingen des Mars und der Minerva” 1776 ein neues Haus und durch eine
umfassende wissenschaftliche Ausbildung “jenen und milden Sinn, der sich so gut mit militärischer Zucht und Ordnung verträgt”, Der einst viel gelesene und vielgespielte, heute kaum noch gekannte Ernst von Wildenbruch – selbst vier Jahre im Kadettenhaus. wo auch seine ergreifende Erzählung vom “Edlen Blut” spielt – war anderer Meinung und bekannte, hier “mit einer halben Bildung überfirnißt” zu sein. “Der Lehrplan des Kadettenkorps entsprach dem eines Realgymnasiums, er war also mehr auf eine praktische Ausbildung gerichtet. Jedoch selbst diese trat gegenüber der eigentlichen Zielsetzung, der Ausbildung des Charakters und der Beherrschung der im militärischen Leben gültigen Erfordernisse, stark zurück” berichtet Ernst von Salomon, der lange Jahre vor dem Bestseller “Der. Fragebogen” ein Buch über seine Kadettenzeit “hinter den roten Mauern von Lichterfelde” geschrieben hat.

Hierher hatte man 1878 die “Hauptkadettenanstalt” verlegt, nachdem sie mittlerweile auf siebenhundert Zöglinge angewachsen war. Ausschlaggebend für die Wahl des weitab von Berlin gelegenen und schwer zu erreichenden ländlichen Platzes war ein äußerst großzügiges Angebot des Gutsbesitzers Wilhe1m von Carstenn, der dem Militärfiskus nicht nur 92 Morgen Grund und Boden für die riesenhafte Anlage schenkte, sondern darüber hinaus eine Unmenge finanzieller Verpflichtungen einging. Wenn er dafür auch bei der Grundsteinlegung der Hauptkadettenanstalt den erblichen Adel derer von Carstenn-Lichterfelde erhielt, so musste er beim Gründerkrach 1873 schwer büßen. Nach vielen Petitionen an den Reichstag und endlosen Prozessen, die bis zum Reichsgericht gingen, erstritt sich Carstenn als “verarmter Geschenkgeber” schließlich eine Jahresrente von 43000 Mark und eine Abfindung von 180000 Marle

Die nunmehr tausend Kadetten in dem in fünf jähriger Bauzeit für 9 115000 Mark von den Bauräten Fleischinger und Voigtel errichteten Gebäudekomplex an der Finkkensteina llee dürften sich kaum um die Sorgen Carstenns gekümmert haben. Sie waren in einen harten Dienst eingespannt. Als junge Leute heckten sie aber auch so manche Streiche aus, die sich zumeist um den “Flensburger Löwen”, das 1946 an Dänemark zurückgegebene Siegesdenkmal der Schlacht von Idstedt, oder die Michaelstatue auf der Kuppel des “Kadettendoms” drehten, wie das 1953 abgetragene Hauptgebäude genannt wurde. Der im Innern hohle Bronzelöwe ließ sich so schön mit Wasser füllen, das dann an diskreter Stelle des Löwenkörpers herausschoss, wenn sich die Kadetten auf dem Hof zum Appell versammelt hatten. Dazu strahlte der streitbare Erzengel im Schmuck eines weißen Nachthemdes, das ihm die übermütigen Marsjünger in nächtlich-halsbrecherischer Kletterpartie angezogen hatten.

Infolge der Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles wurde die Hauptkadettenanstalt aufgelöst und die Gebäude von der Schutzpolizei und der Staatlichen Bildungsanstalt, einer wissenschaftlichen Oberschule, benutzt. Mit Hitler zog dessen “Leibstandarte” ein, die am 30. Juni 1934 die unglücklichen Opfer der Röhm-Revolte an den roten Backsteinmauern exekutierte.

Seit dem Sommer 1945 sind die Amerikaner in der alten “Pflanzstätte des preußischen Offizierskorps” beheimatet. Sie haben den Zentralbau “Steubenhaus” genannt zur Erinnerung an den preußischen Kadetten Friedrich Wilhelm von Steuben, der 1777 nach Nordamerika ging und Washington so erfolgreich im Freiheitskampf half, dass er bis zum Generalinspekteur der US-Armee aufstieg. In Washington gedenkt noch heute ein Bronzestandbild des verdienstvollen Mannes, während die 1911 von den USA für Potsdam gestiftete Nachbildung 1945 im Bombenhagel zugrunde ging.



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