Die “Arbeitsfront” zahlte auch für die orthodoxe Kathedrale

Er war nicht nur der dickste, sondern auch der dickfellig­ste aller Männer, die jemals auf dem Sessel des Berliner Polizeipräsidenten thronten: Guido von Madai. Vier­zehn Jahre lang, von 1872 bis 1885, amtierte er in Berlin, nachdem er vorher das gleiche Amt in Frankfurt am Main bekleidet hatte. Eine so lange Amtszeit hat nur der noch unter uns weilende Dr. Johannes Stumm erreicht, jedoch nicht die fast drei Zentner Lebendgewicht des “dicken Guido”, wie die Berliner den stadtbekannten Gourmand nannten, der trotz seiner Fettleibigkeit 82 Jahre alt wurde.
Als der 1810 in Halle geborene, einer alten ungarischen Familie entstammende Herr von Madai im Jahre 1884 das 50jährige Dienstjubiläum des preußischen Staats­beamten beging, stiftete er aus eigenen Mitteln und der von seinen Schutzleuten gesammelten Jubiläumsspende das auf den Namen seiner verstorbenen Frau getaufte Mariannenhaus in Wilmersdorf. Nach der Stiftungs­urkunde war sein Zweck, “gefährdeten und gefallenen Mädchen, welche eine gesittete und ordentliche Lebens­bahn einschlagen wollen, eine schnelle und vorüber­gehende Zufluchtsstätte zu geben und ihnen in ihrem wei­teren Fortkommen förderlich zu sein”.

Das 1885 als eins der ersten Häuser an der damaligen Kaiserstraße (und heutigen Bundesallee) errichtete Ge­bäude der Mariannenstiftung trug die Bezeichnung Nachodstraße 10. Der dreigeschossige Rohziegelbau ent­sprach im Außeren dem, was die wilhelminische Zeit ziemlich gleichartig als Bahnhöfe, Postämter, Amtsge­richte oder Schulen in den preußischen Kleinstädten erstehen ließ. Im Herbst 1974 mußte er einer über­flüssigen Straßenverbreiterung weichen.

Hier waren die “gefallenen Mädchen” ursprünglich in Schlafsälen untergebracht, die sich aber auf die Dauer als “unzuträglich” erwiesen und 1891 durch Einziehen von Rabitzwänden in “Schlafzellen” aufgeteilt wurden. Be­reits 1904 hat sich die Mariarmenstiftung von dem Haus getrennt und es an den Spediteur Franzkowiak verkauft, der Wohnungen und Lagerräume einrichtete.

Nach dem Ersten Weltkrieg baute es der Deutsch-Rus­sische Schulverein zu einem Asyl und Flüchtlingsheim für die große Schar der in Folge der Revolution von 1917 nach Deutschland gekommenen russischen Emigranten aus, eröffnete hier die St. Georgs-Schule, ein Deutsch-Russi­sches Realgymnasium, und erwarb es schließlich 1925 als Eigentum.

Obwohl es 1944 wieder in Privatbesitz überging und zuletzt dem Land Berlin gehörte, sind die Russen im Mariarmenhaus heimisch geblieben. Sie hatten hier ihren Andachtsraum, in dem Propst Sergius Poloshensky, ein liebenswürdiger alter Herr aus St. Petersburg, in vierzig Jahren die 500 Mitglieder seiner griechisch-ortho­doxen Kirche betreute; auch zweimal im Monat in deut­scher Sprache für die in den letzten Jahren “rechtgläu­big” gewordenen jungen Berliner predigte.

Seinem Amtsvorgänger, dem in den zwanziger Jahren im Mariarmenhaus als “Vorsitzender des Kirchenrats der russisch-griechisch-orthodoxen Pfarrei zu Berlin” wohnen­den und wirkenden Bischof Tychon, war die deutsche Sprache weder in Wort noch in Schrift geläufig. Dennoch brachte er es fertig, Behörden und Geldleute für den Neu­bau einer Kathedrale zu interessieren, die in Verbindung mit einem Wohnhaus bereits 1923 auf dem Grundstück Hohenzollerndamm 33 Ecke Ruhrstraße erstehen sollte.

Wegen der Inflation konnte man erst vier Jahre später an den Bau herangehen, der 1928 vollendet wurde und den Klteren unter uns noch in Erinnerung ist. Das dreißig Wohnungen umfassende Eckgebäude hatten die Architek­ten Gellrich und Niklau mit einem durch Zwiebeltürme reich geschmückten malerischen Aufbau versehen, unter dem sich der Kirchensaal für die russische Gemeinde befand. Im Erdgeschoß wurde gleichzeitig ein “Domklause” genanntes Restaurant eröffnet.

Diese “Domklause” gibt es noch immer, dazu seit 1958 ein “Domhotel”. Doch von der namengebenden Kirche sieht man nichts mehr. Im November 1937 mußten die be­zeichnenden Zwiebeltürme verschwinden, weil die NSDAP hier Verwaltungsräume ausbauen wollte; auch wurde die stark gegliederte Fassade vereinfacht.

Etwas Merkwürdiges war in der Zwischenzeit geschehen. Der preußische Staat in Gestalt des Reichs- und Preu­ßischen Ministers für die kirchlichen Angelegenheiten hatte der orthodoxen Kirche ganz in der Nähe, Hohen­zollerndamm Ecke Berliner Straße,

vom Jahre 1936 an die zwei Jahre später durch Bischof Tychon eingeweihte Christi-Auferstehungs-Kathedrale erbaut, zu deren Kosten auch die Arbeitsfront der NSDAP als nunmehriger Nutznießer der Räume im Domhaus beitrug.

Die mit ihren grüngestrichenen Zwiebelkuppeln im Stadtbild sehr wirksame “Wosskressenje sobor” hat in den letzten Jahren mehrfach publizistische Schlagzeilen ge-macht, als Diebe durch die ungesicherten Fenster einstiegen und wertvolle Ikonen raubten. Der Ikonastas, eine Bilderwand, die in jeder orthodoxen Kirche den An-dachtsraum der Gläubigen von dem nur dem Popen zugänglichen “Allerheiligsten” trennt, ist aus der Kapelle im Domhaus übernommen worden. Ursprünglich zierte er als Stiftung der Zarenfamilie die von den Polen zerstörte Garnisonkirche des 13. Ulanenregiments Wladimir in Minsk Mazowiecki bei Warschau und kam von dort auf abenteuerliche Weise nach Berlin.



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