Auf dem alten Kirchhof der Französischen Gemeinde in der Chausseestraße, gleich vor dem Oranienburger Tor steht inmitten schlichter Efeuhügel ein mit Dreipaßenden und Sternen geziertes Eisenkreuz, das sich dem Kundigen als ein Erzeugnis der vor hundert Jahren eingegangenen Königlichen Eisengießerei aus der benachbarten Invalidenstraße ausweist.
Die verwitterte Inschrift gedenkt “Marie Anne Dutitre nee George, fille de Benjamin George et de Sara Robert, nee le 27 de Janvier 1748, morte le 22 de Juillet 1827″. Die 225. Wiederkehr ihres Geburtstages verlief unbemerkt von der tHfentlichkeit ohne Kranzniederlegung und Gedenkrede. Eigentlich bedauerlich bei diesem nicht “dotzukriejendenOriginal, von dem man immer wieder liest und hört, das Repräsentantin und Geschöpf Berlins war und bis heute als Prototyp der Berliner Madame unsterblich blieb.
Anläßlich ihres Todes notierte Varnhagen von Ense (den die Ehe mit der geistreichen Rahel Levin bekannter machte als seine längst vergessene schriftstellerische Produktion): “Madame Du Titre ist in hohem Alter verstorben; sie war ein Berliner Originalstück von Einfalt und Mutterwitz; hundert lustige Geschichten, Anekdoten, Bemerkungen usw. gehen von ihr im Schwange, die man billig sammeln sollte.”
Das hat man damals leider nicht getan, sondern erst sehr viel später, als die Geschichten der Dutitre von Mund zu Mund gewandert waren und dabei manche Abänderungen und Hinzudichtungen erfahren hatten, auch viel aufs Konto der Madame gesetzt worden war, was ursprünglich nicht darauf stahd. Aber bei Persönlichkeiten wie der ihren ist das, was sie waren, nichtl minder wahr als das, was ihre Volkstümlichkeit aus ihnen machte. Nach Fontane sind ja von allen guten Anekdoten die erfundenen immer die besten.
Merkwürdigerweise hat sich Fontane niemals der Madame Dutitre angenommen, obwohl er für Typen dieser Art ein besonderes Faible hatte und sie in seinen Romanen unter gesucht skurrilen Namen verewigte. Maßgeblich dafür war wohl die zu seiner Zeit geübte Mißachtung der berlinischen Volkssprache, von der kein Geringerer als’ Willibald Alexis . (den Fontane als “märkischen Walter Scott” zu seinem Idol erhob) meinte, es sei ein” Jargon, aus verdorbenem Plattdeutsch und allem Kehricht und Abwurf der höheren Gesellschaftssprache auf eine so widerwärtige Weise komponiert, daß er nur im ersten Moment Lächeln erregt, auf die Dauer aber das Ohr beleidigt”.
Eben dieser Alexis hat dann in seinem Roman “Ruhe ist die erste Bürgerpflicht” den Berliner Dialekt meisterlich geübt und der Dutitre in Gestalt der “Madarne Braunbiegler” ein literarisches Denkmal gesetzt. Später wurde sie sogar mit der “Furchtbar netten- Anna Schramm in der Hauptrolle zur Bühnenfigur in Ludwig Makowskis Lustspiel “Madame Dutitre”, das kurz vor der Jahrhundertwende im Königlichen Schau-spielhaus mit Erfolg gegeben wurde.
Die Dutitre war von beiden Elternteilen her Französin – Hugenotten-abkömmling – und auch ihr Mann, mit dem sie 1781 die Ehe schloß, der wohlhabende Seidenfabrikant Etienne Dutitre – er schrieb sich auch du Titre oder du Tistre -, gehörte der französischen Kolonie an. Ihre Muttersprache war also das damals in Berlin auch in anderen Kreisen weitverbreitete Französisch. Dennoch hat sie nach Ansicht von E. T. A. Hoffmann “das Berlinische mit Grazie gesprodien”.
Ihr Leben entsprach etwa der Erdenzeit Goethes, dem sie einmal in Weimar unerwartet in den Weg trat und mit den Worten “Angebeteter Mann!” begrüßte. Der Olympier stand verwundert still, sah sie groß an und fragte: “Kennen Sie mich?” Die Dutitre erwiderte: “Großer Mann, wer sollte Ihnen nich kennen” und deklamierte: “Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Jips jebrannt!” Darauf hingewiesen, daß nicht Goethe, sondern Schiller das “Lied von der Glocke” schrieb, soll sie gesagt haben: “Ach, der macht doch nischt. Schiller und Joethe, det ist ja bei uns allens eene Schrniere.”
Den von ihr hoch verehrten, herben und wortkargen König Friedrich Wilhelm II I. sprach sie grundsätzlich als “Majestateken- an und versuchte, ihn nach dem Tode seiner Gemahlin, der Königin Luise, auf ihre Art zu trösten: “Ach ja, for Ihnen is et ooch nich leicht. Wer nimmt heutzutage schon ‘nen ollen Witwer mit sieben kleenen Kinderkens.”
Als reiche Frau hatte sie natürlich eine Gesellschafterin, die sich allerdings vergeblich bemühte, ihrer Madame “Benimrn” beizubringen. Für diese Gardedame gab es nun nichts Schlimmeres als das von Madame Dutitre gern und passioniert gesprochene, unverfälschte Spree-Berlinisch. Eines Tages hielt ihr die altjüngferliche Gesellschafterin den Ausdruck “jelofen” vor und meinte tadelnd, sie müsse dafür “gegangen” sagen. Doch die Dutitre erwiderte schlagfertig: “Ick bin mein janzes Leben lang gelofen und habe den reichen Dutitre jekricht, aber Sie sind jejangen und haben keenen nich abjekricht.”
Als ihr Mann im Sterben lag und noch ein letztes Wort mit ihr sprechen wollte, soll sie gesagt haben: ” Jott, Dutiter, wat soll denn’ det. Du weeßt doch, dat ick keene Doten nich sehen kann.” Ahnlich makaber klingt das, was man ihr nachsagte, als sie nach dem Tode ihres Mannes bei einer Freundin zu Tische saß und Schellfisch vorgesetzt bekam: “Schade, den kann ick nich essen, der sieht jrade so aus wie mein Mann, als er im Sarge lag.”
Ihren Mann hat sie um ein volles Jahrzehnt überlebt und sich der beiden Töchter erfreut, die durch glänzende Heiraten in die höchsten Kreise aufstiegen. Doch die realistische ‘Berliner Madame Dutitre blieb sich bis zuletzt treu und schloß ihre letzte Erdenstunde mit dem Stoßseufzer: “Wenn ick daran denke, wer von meine ville Verwandten all det scheene JeId erbt, denn möcht ick am liebsten janich sterben.”
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