Die Breite Straße in Ost-Berlin hieß einst “Große Straße” und war die vornehmste des Stadtteils Kölln an der Spree. Hier, in unmittelbarer Nähe des Schlosses, wohnten nur Leute von “Distinktion”; so der höchste Beamte Kurbrandenburgs, der Kanzler Pruckmann, und Tilman Essenbrücher, der erste Kaufherr der Doppelstadt Berlin-Kölln.
Da die einigermaßen heil über den Krieg gekommenen Häuser der Westseite der Breiten Straße den Neubauten des Staatsrates und des Ministeriums für Bauwesen weichen mußten, beansprucht allein die östliche Straßenfront das Interesse des Freundes der Berliner Bau- und Kulturgeschichte.
Hier stehen nachbarlich vereint zwei Gebäude, deren Portale jedem auffallen; der nicht gerade” Tomaten auf den Augen” hat. Räumlich sind sie nur vierzig Meter voneinander entfernt, zeitlich jedoch fast 350 Jahre.
Eins von diesen hat der viel zu früh verstorbene Kunstschmied Fritz Kühn für den 1966 eröffneten Neubau der Stadtbibliothek geschaffen. Auf geschmiedeten und geätzten Metallplatten sind 117 Varianten des Buchstabens A dargestellt. Wenn man genau sein will, müßte man von Alphabet-Anfängen sprechen: denn – wie der Augenschein lehrt – gibt es auf der weiten Welt viele Völker, deren Buchstabenschatz mit allen möglichen Zeichen, nur nicht mit dem A beginnt.
Das andere Portal schmückt ein Haus, dessen “Fassade noch itzt das Gepräge einer hohen Alterthümlichkeit trägt und von jeher die Aufmerksamkeit der Freunde altdeutscher Baukunst in Berlin auf sich gezogen hat”, Das schrieb 1833 Samuel Heinrich Spiker, als er die “Breite Straße, von der Cöllnischen Wache aus gesehen”, in einem sauberen Stahlstich seines berühmten Ansichtenwerks “Berlin und seine Umgebungen im 19. Jahrhundert” präsentierte.
Als einziges Wohnhaus der Spätrenaissance in Berlin, das historische Bauten von jeher bedenkenlos dem “Fortschritt- opferte, wird es .hoffentlich noch lange die an alter Architektur Interessierten erfreuen. Das sandsteinerne Rundbogenportal am Haus Breite Straße 35 ist seitlich von Grotesken und den für die ausklingende Renaissance typischen knorpelartigen Ornamenten eingefaßt. Zwei Cherubköpfe stützen das verkröpfte Gesims, das die Namen Hans Georg v. Ribbeck und Catharina v. Brösicke sowie die Jahreszahl 1624 zeigt. Haus und Portal können also auf das beachtliche Alter von 350 Jahren zurückblicken.
Die Älteren wird der Name Ribbeck an Fontanes bekanntestes märkisches Gedicht erinnern, das er als 70jähriger schrieb und einem Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland widmete. Dieser hatte zeitlebens ein offenes Herz und eine freigiebige Hand für die Kinder seines Dorfes und versorgte sie zur Herbsteszeit, “wenn die Birnen leuchteten weit und breit”, mit den schmackhaften Früchten.
Sein Nachfolger im Gutsbesitz jedoch, “der knausert und spart, hält Park und Birnbaum strenge verwahrt”, Ein paar Jahre später kam die Dorf jugend wieder zu ihrem gewohnten Recht, denn der alte Ribbeck hatte sich vorsorglich eine Birne ins Grab legen lassen, aus der ein statt-licher Birnbaum ersproß. Bis 1911 stand er neben der Dorfkirche in Ribbeck bei Nauen.
Der Bauherr des Ribbeckschen Stadtpalais in der Breiten Straße kam nicht aus dem westhavelländischen Dorf, das 1375 erstmals als “Rybbecke” erwähnt wird und bis 1945 – 570 Jahre lang – im Besitz der Familie war, Hans Georg von Ribbeck gehörte dem osthavelländischen Zweig an, er war kurfürstlicher Kammerrat und Gouverneur von Spandau. Dort hat er mit seiner Frau in der Marienkapelle der Nikolaikirche die letzte Ruhestätte gefunden.
Sein beträchtliches Vermögen war noch vermehrt worden, als er 1600 die reiche Katharina von Brösicke aus dem Hause Ketziir bei Brandenburg (Havel) ehelichte. Wie gut betucht der Schwiegervater Heinrich von Brösicke war, ist noch heute an seinem herrlichen figurenreichen Grabmal aus Alabaster und Marmor ersichtlich, das der Magdeburger Bildhauer Christoph Dehne in den Jahren 1611 bis 1613 in der Dorfkirche von Ketzür wirkungsvoll aufbaute.
Das Ribbeck-Haus in der Breiten Straße ist 1628 in andere Hände ge-langt und 1659 mit dem Marstall verbunden worden, in dem vor dem Ersten Weltkrieg 272 Personen – vom Oberstallmeister bis zum Pferde-pfleger – 338 Rösser, aber auch “14 Personen- und zwei Gepäck-Automobile” betreuten.
Im Ribbeck-Haus waren einmal das Oberappellationsgericht und später die Oberrechnungskammer untergebracht. Als diese Behörde sich ausdehnte und das Haus aufstocken ließ, was 1803 geschah, verlangte der sonst so sparsame König Friedrich Wilhe1m 111., die vier schmucken Giebelerker in der “alten gothischen Bauart- wieder aufzusetzen. Sie sind noch heute vorhanden und geben dem Ribbeck-Haus seinen für unsere Stadt einmaligen Charakter.
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