Der König hatte einen Analphabeten als Günstling

Ein Analphabet als Günstling des Königs
Berlin war zwar schon seit den Tagen des Alten Fritzen eine Großstadt, aber 1820, als es die
Zahl von 200 000 Einwohnern überschritt, besaß es dennoch nur zwei Theater: die Oper, Unter den
Linden, und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Beide waren “königlich”, also in Händen des
Staates, der auch den Spielplan bestimmte.
Es gab wohl gelegentliche Gastspiele reisender Theatergesellschaften in irgendwelchen
Gasthaussälen oder Kaffeegärten, doch wurde die Bewerbung des Schauspieldirektors Döbbelin um
die Konzession für ein ständiges Volkstheater in Berlin 1816 von König Friedrich Wil-
140 helm III. abgelehnt.
Es mußte deshalb. überraschen, daß dem Rentier (und früheren Pferdehändler) Karl Friedrich Cerf
vor 150 Jahren, am 13. Mai 1822, die Konzession für ein “Volkstheater jenseits ‘der Spree in
der Königstadt” erteilt wurde.
Bis heute haben sich die Theaterhistoriker darüber den Kopf zerbrochen, warum ausgerechnet Cerf
die heißbegehrte Konzession erhielt. Besondere Gründe mußten es schon sein, denn man wußte, daß
dem frischgebackenen Theaterdirektor jede literarische Bildung abging, daß er weder lesen noch
schreiben konnte und kein anderes Interesse am Theater hatte, als mit diesem möglichst viel
Geld zu verdienen.
Am glaubwürdigsten erschien den Zeitgenossen das Gerücht, Cerf habe dem König im Kriege
wichtige Dienste geleistet, von denen man nicht gern sprach, die aber eine außergewöhnliche
Belohnung verlangten. Heute neigt man mehr zu der Meinung, daß Cerfs Sprößling Rudolf ein
natürlicher Sohn des Königs war. Dieser zeigte nämlich ein außergewöhnliches Interesse für Cerf
und gewährte dem Königstädtischen Theater zeitlebens kräftige Unterstützung.
Friedrich Wilhelm IH. kümmerte sich auch nicht um die vielen Anekdoten, die man von Cerf
erzählte, der zwar Analphabet, aber ein ausgezeichneter Rechner war. Briefe ließ er sich
vorlesen. Bei einer heiklen Stelle hielt er dem lesenden Sekretär die Ohren zu und sagte: “Was
jetzt kommt, darf nur ich hören.” Als Cerf eines Abends vor seinem Theater stand, geschah, daß
Prinz Carl vorfuhr und ein streunender Schusterjunge laut “Schafskopp” rief. Cerf wollte die
Situation retten und sagte: “Königliche Hoheit, er hat mir gemeint.” – “Das hoffe ich”
,erwiderte der Prinz. Schließlich noch der Ausspruch eines Schauspielers, der von Cerf nicht
gerade im besten Einvernehmen schied: “Sie sind der Inhaber des Roten Adlerordens dritter
Klasse, Direktor eines Theaters zweiter Klasse und
ein Rind vieh erster Klasse. ”
141
Ganz so dumm, wie die Fama will, ist Cerf aber nicht gewesen. Das bewies er schon, als er seine
Konzession für jährlich 3000 Taler an eine Aktiengesellschaft abtrat, deren Aufsichtsrat aus
sechs namhaften Berliner Bankiers bestand. Einer von diesen, Beer, war der Vater des
Komponisten Meyerbeer; ein anderer, Benecke, war Schwiegersohn der als Prototyp der Berlinerin
unsterblich gewordenen Madame Dutitre.
Das Gebäude des Königstädtischen Theaters wurde 1823/24 nach dem Entwurf des braunschweigischen
Hofbaurats Ottmer am Alexanderplatz gebaut und gehörte damals »unstreitig zu den zierlichsten
und bequemsten Schauspielhäusern, die es in Deutschland, ja vielleicht in Europa, gibt”. Es hat
lange gestanden, erst 1928 ist es bei der Neugestaltung des Alexanderplatzes dem jetzigen
HO-Kaufhaus gewichen. Theater war es seit 1851 nicht mehr, sondern Wohn- und Geschäftshaus,
zuletzt mit einer Asehinger-Filiale, in der auch eine Szene von Carl Zuckmayers »Hauptmann von
Köpenick” spielt.
Der Wirkungskreis des neuen Theaters sollten das Lustspiel, die Posse, das Volksschauspiel und
die Operette sein. Dafür war ein Ensemble engagiert, das so vorzügliche Schauspieler
vereinigte, wie sie keine andere Bühne Deutschlands aufweisen konnte. Doch die tüchtigen Kräfte
verlangten auch entsprechende Gagen, und diese waren schwierig aufzubringen, nachdem der Reiz
der Neuheit und dementsprechend der Besuch des 1500 Personen fassenden Hauses nachgelassen
hatten.
Helfen konnte in dieser Lage nur die komische Oper mit der damals zum Weltstar aufstrebenden
Primadonna Henriette Sontag. Im .August 1825 trat sie als Isabelle in Rossinis »Italienerin in
Algier” vor das Publikum und entfachte einen so gewaltigen Sturm der Begeisterung, wie ihn
Berlin im Theater vorher nie gesehen und auch nachher nie wieder erlebt hat.
Auch die Aktiengesellschaft des Königstädtischen Theaters
142 hat das »Sontagsfieber” nicht lange überlebt. Bereits im
Königstädtisches Theater, um 1830
Mai 1829 stimmte sie für Schließung des Theaters. Da erwies sich, daß Cerf nicht der Dämlack
war, den man ihm nachsagte. Er übernahm das Haus samt allen Verbindlichkeiten zu einem Preise,
der zwanzig Prozent unter dem Taxwert lag, und hat es bis zu seinem Tode (1845) dank der
Förderung des Königs ohne Konkurs gehalten.
Eines zeitweiligen Mitarbeiters von Cerf muß hier gedacht werden, weil er die zu einem Denkmal
des Berlinertums gewordene Nante-Figur schuf. Karl von Holtei, Direktionssekretär und Dramaturg
an der “Königstadt” , hatte in seinem 1832 aufgeführten Stück “Ein Trauerspiel in Berlin” einen
Holzhacker Nante als bescheidene Chargenrolle vorgestellt. Der zum Schauspieler avancierte
Garderobeninspektor Friedrich Beckmann machte jedoch den Nante durch Maske und Spiel” zu einer
Hauptfigur und fand soviel Beifall, daß ihm der glorreiche Gedanke kam, in einer rasch
zusammengestell ten Szenenreihe, für die Adolf Glassbrenner seine spitze Feder hergab, dem
vortrefflichen Eckensteher Nante längeres Dasein zu verleihen, als Holteis Stück ihm gewähren
konnte. Der Er-
143
folg dieser Idee ist auf der ganzen Welt bekannt und der von Glassbrenner geformte Nante bis
heute unvergessen. Er hat die Berliner Komiker von Friedrich Beckmann bis Wolfgang Gruner
immer. wieder magisch angezogen und sie Nantes schönes Lied singen lassen:
“Det beste leben hab’ ick doch, Ick kann mir nich beklagen;
Pfeift ooch der Wind durch’t Krmelloch, Det will ick schonst verdragen.
Det Morgens, wenn mir hungern tut, Eß’ ick ‘ne Butterstulle,
Dazu schmeckt mir der Kümmel jut Aus meine volle Pulle. “

Berlin war zwar schon seit den Tagen des Alten Fritzen eine Großstadt, aber 1820, als es die  Zahl von 200 000 Einwohnern überschritt, besaß es dennoch nur zwei Theater: die Oper, Unter den Linden, und das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt. Beide waren “königlich”, also in Händen des Staates, der auch den Spielplan bestimmte.

Es gab wohl gelegentliche Gastspiele reisender Theatergesellschaften in irgendwelchen Gasthaussälen oder Kaffeegärten, doch wurde die Bewerbung des Schauspieldirektors Döbbelin um die Konzession für ein ständiges Volkstheater in Berlin 1816 von König Friedrich Wilhelm III. abgelehnt.

Es mußte deshalb. überraschen, daß dem Rentier (und früheren Pferdehändler) Karl Friedrich Cerf vor 150 Jahren, am 13. Mai 1822, die Konzession für ein “Volkstheater jenseits ‘der Spree in der Königstadt” erteilt wurde.

B is heute haben sich die Theaterhistoriker darüber den Kopf zerbrochen, warum ausgerechnet Cerf die heißbegehrte Konzession erhielt. Besondere Gründe mußten es schon sein, denn man wußte, dass dem frischgebackenen Theaterdirektor jede literarische Bildung abging, daß er weder lesen noch schreiben konnte und kein anderes Interesse am Theater hatte, als mit diesem möglichst viel Geld zu verdienen.

Am glaubwürdigsten erschien den Zeitgenossen das Gerücht, Cerf habe dem König im Kriege wichtige Dienste geleistet, von denen man nicht gern sprach, die aber eine außergewöhnliche Belohnung verlangten. Heute neigt man mehr zu der Meinung, daß Cerfs Sprößling Rudolf ein natürlicher Sohn des Königs war. Dieser zeigte nämlich ein außergewöhnliches Interesse für Cerf und gewährte dem Königstädtischen Theater zeitlebens kräftige Unterstützung.

Friedrich Wilhelm IH. kümmerte sich auch nicht um die vielen Anekdoten, die man von Cerf erzählte, der zwar Analphabet, aber ein ausgezeichneter Rechner war. Briefe ließ er sich vorlesen. Bei einer heiklen Stelle hielt er dem lesenden Sekretär die Ohren zu und sagte: “Was jetzt kommt, darf nur ich hören.” Als Cerf eines Abends vor seinem Theater stand, geschah, dass Prinz Carl vorfuhr und ein streunender Schusterjunge laut “Schafskopp” rief. Cerf wollte die Situation retten und sagte: “Königliche Hoheit, er hat mir gemeint.” – “Das hoffe ich” ,erwiderte der Prinz. Schließlich noch der Ausspruch eines Schauspielers, der von Cerf nicht gerade im besten Einvernehmen schied: “Sie sind der Inhaber des Roten Adlerordens dritter Klasse, Direktor eines Theaters zweiter Klasse und ein Rind vieh erster Klasse. ”

Ganz so dumm, wie die Fama will, ist Cerf aber nicht gewesen. Das bewies er schon, als er seine Konzession für jährlich 3000 Taler an eine Aktiengesellschaft abtrat, deren Aufsichtsrat aus sechs namhaften Berliner Bankiers bestand. Einer von diesen, Beer, war der Vater des Komponisten Meyerbeer; ein anderer, Benecke, war Schwiegersohn der als Prototyp der Berlinerin unsterblich gewordenen Madame Dutitre.

Das Gebäude des Königstädtischen Theaters wurde 1823/24 nach dem Entwurf des braunschweigischen Hofbaurats Ottmer am Alexanderplatz gebaut und gehörte damals »unstreitig zu den zierlichsten und bequemsten Schauspielhäusern, die es in Deutschland, ja vielleicht in Europa, gibt”. Es hat lange gestanden, erst 1928 ist es bei der Neugestaltung des Alexanderplatzes dem jetzigen HO-Kaufhaus gewichen. Theater war es seit 1851 nicht mehr, sondern Wohn- und Geschäftshaus, zuletzt mit einer Asehinger-Filiale, in der auch eine Szene von Carl Zuckmayers »Hauptmann von Köpenick” spielt.

Der Wirkungskreis des neuen Theaters sollten das Lustspiel, die Posse, das Volksschauspiel und die Operette sein. Dafür war ein Ensemble engagiert, das so vorzügliche Schauspieler vereinigte, wie sie keine andere Bühne Deutschlands aufweisen konnte. Doch die tüchtigen Kräfte verlangten auch entsprechende Gagen, und diese waren schwierig aufzubringen, nachdem der Reiz der Neuheit und dementsprechend der Besuch des 1500 Personen fassenden Hauses nachgelassen hatten.

Helfen konnte in dieser Lage nur die komische Oper mit der damals zum Weltstar aufstrebenden Primadonna Henriette Sontag. Im .August 1825 trat sie als Isabelle in Rossinis »Italienerin in Algier” vor das Publikum und entfachte einen so gewaltigen Sturm der Begeisterung, wie ihn Berlin im Theater vorher nie gesehen und auch nachher nie wieder erlebt hat.

Auch die Aktiengesellschaft des Königstädtischen Theaters 142 hat das »Sontagsfieber” nicht lange überlebt. Bereits im Königstädtisches Theater, um 1830 Mai 1829 stimmte sie für Schließung des Theaters. Da erwies sich, daß Cerf nicht der Dämlack war, den man ihm nachsagte. Er übernahm das Haus samt allen Verbindlichkeiten zu einem Preise, der zwanzig Prozent unter dem Taxwert lag, und hat es bis zu seinem Tode (1845) dank der Förderung des Königs ohne Konkurs gehalten.

Eines zeitweiligen Mitarbeiters von Cerf muß hier gedacht werden, weil er die zu einem Denkmal des Berlinertums gewordene Nante-Figur schuf. Karl von Holtei, Direktionssekretär und Dramaturg an der “Königstadt” , hatte in seinem 1832 aufgeführten Stück “Ein Trauerspiel in Berlin” einen Holzhacker Nante als bescheidene Chargenrolle vorgestellt. Der zum Schauspieler avancierte Garderobeninspektor Friedrich Beckmann machte jedoch den Nante durch Maske und Spiel” zu einer Hauptfigur und fand soviel Beifall, daß ihm der glorreiche Gedanke kam, in einer rasch zusammengestellten Szenenreihe, für die Adolf Glassbrenner seine spitze Feder hergab, dem

vortrefflichen Eckensteher Nante längeres Dasein zu verleihen, als Holteis Stück ihm gewähren konnte. Der Erfolg dieser Idee ist auf der ganzen Welt bekannt und der von Glassbrenner geformte Nante bis heute unvergessen. Er hat die Berliner Komiker von Friedrich Beckmann bis Wolfgang Gruner immer. wieder magisch angezogen und sie Nantes schönes Lied singen lassen:

“Det beste Leben hab’ ick doch,
Ick kann mir nich beklagen;
Pfeift ooch der Wind durch’t Ärmelloch,
Det will ick schonst verdragen.
Det Morgens, wenn mir hungern tut,
Eß’ ick ‘ne Butterstulle,
Dazu schmeckt mir der Kümmel jut
Aus meine volle Pulle. “



Ähnliche Artikel in diesem Blog:

Hinterlasse eine Antwort

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.