Gesucht und nicht gefunden: der “Dustere Keller”
Wer offenen Auges durch Berlin wandert, wird bald merken, daß Gastwirte und Apotheker mit
besonderer Zähigkeit an alten Bezeichnungen festhalten. So gibt es am Südwestkorso in Friedenau
noch immer eine Eckkneipe “Zum Sintflutbrunnen “, obwohl das Brunnengebilde selbst bereits vor
vierzig Jahren in das “Birkenwäldchen” des Perelsplatzes umgesetzt wurde. In der Leberstraße
auf der Schöneberger “Insel” begegnen wir der “SedanApotheke” (mit ansehenswerter alter
Einrichtung), obgleich die 1871 angelegte und nach dem Schlachtort des Deutsch-Französischen
Krieges benannte Straße ihren alten Namen schon 1937 aufgeben mußte und seit 1947 des zwei
Jahre zuvor als Widerstandskämpfer hingerichteten Sozialpolitikers Julius Leber gedenkt.
Diese Beispiele lassen sich unschwer vermehren. Doch einen, älteren “Stadtstreichern” recht
vertrauten Traditionsort habe ich vergeblich gesucht. Wenn mich die Erinnerung nicht täuscht,
war er sogar nach 1945 noch vorhanden, in Gestalt einer Bierkneipe. Der “Dustere Keller” am
Westende der Bergmannstraße, etwa gegenüber der früheren Habeischen Brauerei mit ihrem aus
Kindertagen unvergessenen Gartenvergnügen.
Ein an Ort und Stelle angesprochener junger Handwerker, der nach eigener Aussage “alle Kneipen
in der Gegend” kannte, versagte ebenso wie der Straßenkehrer am Chamissoplatz. Was lag näher,
als ‘den hier im Eckladen an der Arndtstraße malenden, dichtenden und druckenden Kreuzberger
Autochthonen Kurt Mühlenhaupt zu befragen? Leider war er nicht zu Hause, jedoch ein zahnloser,
dennoch (oder deswegen) recht fröhlicher alter Knabe an der nächsten Straßenecke wußte Bescheid
und sagte mir, daß der “Dustere Keller” von einst mit der heutigen “Offenen Tür” in der
Bergmannstraße 107 identisch sei. Mit überlegener Sicherheit erklärte er mir, es sei eine
Weinstube gewesen mit einem langen, dunklen Kel-
137
ler, in dem die Geschäftsleute unter sich waren und – unbeobachtet – dem edlen Naß huldigen
konnten.
Tatsächlich war dieser “Dustere Keller” weiter nichts als Namensträger einer Lokalität, die
sich an ganz anderer Stelle befand und ursprünglich auch ihrer eigenartigen Bezeichnung
entsprach. Sie lag ungefähr dort, wo sich seit neunzig Jahren der Chamissoplatz erstreckt und
war nach Nicolai, dem Topographen des friderizianischen Berlin, “ein Erdfall zwischen den
Bergen, der angenehm mit Blumen bepflanzt ist”.
Diese “Berge” waren die vom Kreuzberg bis zum Südstern reichenden “Köllnischen Weinberge”, auf
denen man wirklich einmal Wein in erheblichem Umfang angebaut hat; Wein, der sogar getrunken
und bis nach Schweden, Polen und Rußland exportiert wurde. Doch das ist lange her, und
Glaßbrenner, der mit die letzten Proben des Berliner Weinbaus zu kosten bekam, meinte in seiner
zwölf Sorten umfassenden “Berliner Wein-Karte” beispielsweise zum ” Wende-Wein”: “Schmeckt
äußerst pikant, muß jedoch sehr vorsichtig, und besonders nich vor dem Schlafenjehn jenommen
werden, da er sich, wendet man sich nich alle zehn Minuten im Bette um, dur c h fr ißt, was
sehr störend ist. “
Ein zur Aufbewahrung des Weins dienender Erdkeller ist der “Dustere Keller” ursprünglich
gewesen; er dürfte vielleicht so ausgesehen haben wie die an heißen Tagen wegen ihres kühlen
Biers so geschätzten “Sommerkeller” im schönen Bayernland. In den Tagen Priedrich Wilhelms I.
soll hier ein Klausner gehaust haben, den der Soldatenkönig einmal in der selbstgewählten
Einsiedelei besuchte. Als er dem wunderlichen Mann nach kurzem Gespräch einen Gulden gab, wurde
das Geldstück abgelehnt, weil der fromme Alte grundsätzlich nur kleine Kupfermünzen annahm.
So bescheiden waren die späteren Eigentümer nicht, die im “Dusteren Keller” eine vielbesuchte
“Tabagie” einrichte-
138 ten. Eine Gaststätte, in der man ungehindert rauchen
konnte, was bis zur Revolution von 1848 auf den Berliner Straßen und selbst im Tiergarten
verboten war.
Der 1837 von” Weinbergsweg” auf Bergmannstraße umgetaufte Straßenzug erinnert daran, daß hier
rund um den “Dusteren Keller” einmal die Bergmanns ansässig waren. Der erste von ihnen, Johann
Caspar, war 1782 als Maurergeselle von Halle nach Berlin “zugereist”. Den nützlichen Grundsatz
“Wer nischt erheiratet oder erbt, bleibt ein armer Deibel, bis er sterbt” befolgend, hatte er
1792 die einzige Tochter Marie Louise des wohlhabenden Weinmeisters Ludwig Neumann geehelicht
und nach dem Tode seines Schwiegervaters dessen erheblichen Grundbesitz übernommen, der von der
Bergmann- bis zur Fidicinstraße und von der früher als “Matratzendeponie” zweckentfremdeten
Straße “Am Tempelhofer Berg” bis zur Friesenstraße reichte und den “Dusteren Keller” mit
einschloß.
Ludwig Tieck, in Berlin geborener Dichter der Romantik, erinnerte sich, in Jugendtagen im
“Dusteren Keller” den berühmt-berüchtigten Politiker und Publizisten Graf Mirabeau während
seiner geheimen Mission in Berlin, 1786 gesehen zu haben, der im Kreise französischer
Emigranten das Material zu dem zwei Jahre später in London, acht Bände stark, veröffentlichten
Werk “De la monarchie prussienne sous Frederic le Grand” und für die 1789 herausgegebene
pamphletische Briefsammlung “Histoire secrete de la Cour de Berlin” sammelte. Die
Gegend des heutigen Chamissoplatzes, 1862
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Vorkämpfer der deutschen Befreiungskriege, Jahn, Friesen und Harnisch, sollen 1810 im “Dusteren
Keller” den gegen die Franzosen gerichteten “Deutschen Bund” gegründet haben.
Die noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem Weißbierwirt Körting
betriebene, bei Damen allerdings nicht sonderlich beliebte Gaststätte und das Haus, das sie
beherbergte, machten dann ebenso wie der dazugehörige Grundbesitz manchen Besitzwechsel durch.
In der “Gründerzeit” nach dem siebziger Kriege ging mit dem “Dusteren Keller” auch das von
Julius Jacob in mehreren Skizzen festgehaltene Landschaftsbild verloren, dem die Wirtschaft
ihren Namen entlehnt hatte. Die malerische Schlucht verschwand, die einstigen “Weinberge”
wurden abgetragen, parzelliert und mit Mietkasernen bebaut, die vereinzelt von der
“Stadtbildpflege” des Bausenators neuen Stuck und frische Farbe auf die in mehr als achtzig
Jahren grau und rissig gewordene Putzhaut ihrer spätklassizistischen oder
neorenaissancistischen Fassaden bekamen.
Wer offenen Auges durch Berlin wandert, wird bald merken, daß Gastwirte und Apotheker mit besonderer Zähigkeit an alten Bezeichnungen festhalten. So gibt es am Südwestkorso in Friedenau noch immer eine Eckkneipe “Zum Sintflutbrunnen “, obwohl das Brunnengebilde selbst bereits vor vierzig Jahren in das “Birkenwäldchen” des Perelsplatzes umgesetzt wurde. In der Leberstraße auf der Schöneberger “Insel” begegnen wir der “SedanApotheke” (mit ansehenswerter alter Einrichtung), obgleich die 1871 angelegte und nach dem Schlachtort des Deutsch-Französischen Krieges benannte Straße ihren alten Namen schon 1937 aufgeben mußte und seit 1947 des zwei Jahre zuvor als Widerstandskämpfer hingerichteten Sozialpolitikers Julius Leber gedenkt.
Diese Beispiele lassen sich unschwer vermehren. Doch einen, älteren “Stadtstreichern” recht vertrauten Traditionsort habe ich vergeblich gesucht. Wenn mich die Erinnerung nicht täuscht, war er sogar nach 1945 noch vorhanden, in Gestalt einer Bierkneipe. Der “Dustere Keller” am Westende der Bergmannstraße, etwa gegenüber der früheren Habeischen Brauerei mit ihrem aus Kindertagen unvergessenen Gartenvergnügen.
Ein an Ort und Stelle angesprochener junger Handwerker, der nach eigener Aussage “alle Kneipen in der Gegend” kannte, versagte ebenso wie der Straßenkehrer am Chamissoplatz. Was lag näher, als ‘den hier im Eckladen an der Arndtstraße malenden, dichtenden und druckenden Kreuzberger Autochthonen Kurt Mühlenhaupt zu befragen? Leider war er nicht zu Hause, jedoch ein zahnloser, dennoch (oder deswegen) recht fröhlicher alter Knabe an der nächsten Straßenecke wußte Bescheid und sagte mir, daß der “Dustere Keller” von einst mit der heutigen “Offenen Tür” in der Bergmannstraße 107 identisch sei. Mit überlegener Sicherheit erklärte er mir, es sei eine Weinstube gewesen mit einem langen, dunklen Keller, in dem die Geschäftsleute unter sich waren und – unbeobachtet – dem edlen Naß huldigen konnten.
Tatsächlich war dieser “Dustere Keller” weiter nichts als Namensträger einer Lokalität, die sich an ganz anderer Stelle befand und ursprünglich auch ihrer eigenartigen Bezeichnung entsprach. Sie lag ungefähr dort, wo sich seit neunzig Jahren der Chamissoplatz erstreckt und war nach Nicolai, dem Topographen des friderizianischen Berlin, “ein Erdfall zwischen den Bergen, der angenehm mit Blumen bepflanzt ist”.
Diese “Berge” waren die vom Kreuzberg bis zum Südstern reichenden “Köllnischen Weinberge”, auf denen man wirklich einmal Wein in erheblichem Umfang angebaut hat; Wein, der sogar getrunken und bis nach Schweden, Polen und Rußland exportiert wurde. Doch das ist lange her, und Glaßbrenner, der mit die letzten Proben des Berliner Weinbaus zu kosten bekam, meinte in seiner zwölf Sorten umfassenden “Berliner Wein-Karte” beispielsweise zum ” Wende-Wein”: “Schmeckt äußerst pikant, muß jedoch sehr vorsichtig, und besonders nich vor dem Schlafenjehn jenommen werden, da er sich, wendet man sich nich alle zehn Minuten im Bette um, dur c h fr ißt, was sehr störend ist. ”
Ein zur Aufbewahrung des Weins dienender Erdkeller ist der “Dustere Keller” ursprünglich gewesen; er dürfte vielleicht so ausgesehen haben wie die an heißen Tagen wegen ihres kühlen Biers so geschätzten “Sommerkeller” im schönen Bayernland. In den Tagen Priedrich Wilhelms I. soll hier ein Klausner gehaust haben, den der Soldatenkönig einmal in der selbstgewählten Einsiedelei besuchte. Als er dem wunderlichen Mann nach kurzem Gespräch einen Gulden gab, wurde das Geldstück abgelehnt, weil der fromme Alte grundsätzlich nur kleine Kupfermünzen annahm.
So bescheiden waren die späteren Eigentümer nicht, die im “Dusteren Keller” eine vielbesuchte ”Tabagie” einrichteten. Eine Gaststätte, in der man ungehindert rauchen konnte, was bis zur Revolution von 1848 auf den Berliner Straßen und selbst im Tiergarten verboten war.
Der 1837 von” Weinbergsweg” auf Bergmannstraße umgetaufte Straßenzug erinnert daran, daß hier rund um den “Dusteren Keller” einmal die Bergmanns ansässig waren. Der erste von ihnen, Johann Caspar, war 1782 als Maurergeselle von Halle nach Berlin “zugereist”. Den nützlichen Grundsatz ”Wer nischt erheiratet oder erbt, bleibt ein armer Deibel, bis er sterbt” befolgend, hatte er 1792 die einzige Tochter Marie Louise des wohlhabenden Weinmeisters Ludwig Neumann geehelicht und nach dem Tode seines Schwiegervaters dessen erheblichen Grundbesitz übernommen, der von der Bergmann- bis zur Fidicinstraße und von der früher als “Matratzendeponie” zweckentfremdeten Straße “Am Tempelhofer Berg” bis zur Friesenstraße reichte und den “Dusteren Keller” mit einschloß.
Ludwig Tieck, in Berlin geborener Dichter der Romantik, erinnerte sich, in Jugendtagen im ”Dusteren Keller” den berühmt-berüchtigten Politiker und Publizisten Graf Mirabeau während seiner geheimen Mission in Berlin, 1786 gesehen zu haben, der im Kreise französischer Emigranten das Material zu dem zwei Jahre später in London, acht Bände stark, veröffentlichten Werk “De la monarchie prussienne sous Frederic le Grand” und für die 1789 herausgegebene pamphletische Briefsammlung “Histoire secrete de la Cour de Berlin” sammelte. Die Vorkämpfer der deutschen Befreiungskriege, Jahn, Friesen und Harnisch, sollen 1810 im “Dusteren Keller” den gegen die Franzosen gerichteten “Deutschen Bund” gegründet haben.
Die noch in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von dem Weißbierwirt Körting betriebene, bei Damen allerdings nicht sonderlich beliebte Gaststätte und das Haus, das sie beherbergte, machten dann ebenso wie der dazugehörige Grundbesitz manchen Besitzwechsel durch. In der “Gründerzeit” nach dem siebziger Kriege ging mit dem “Dusteren Keller” auch das von Julius Jacob in mehreren Skizzen festgehaltene Landschaftsbild verloren, dem die Wirtschaft ihren Namen entlehnt hatte. Die malerische Schlucht verschwand, die einstigen “Weinberge” wurden abgetragen, parzelliert und mit Mietkasernen bebaut, die vereinzelt von der ”Stadtbildpflege” des Bausenators neuen Stuck und frische Farbe auf die in mehr als achtzig Jahren grau und rissig gewordene Putzhaut ihrer spätklassizistischen oder neorenaissancistischen Fassaden bekamen.
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Dieser Eintrag wurde am Montag, 21. Dezember 2009 um 08:45 erstellt und ist abgelegt unter BerlinGeschichten. Mit dem RSS 2.0 Feed kannst du den Antworten zu diesem Artikel folgen.
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