Das Wandern ist auch der Mühlen Lust

Das Wandern ist auch der Mühlen Lust
Wie viele Windmühlen einst in Berlin innerhalb der 1920 durch das Groß-Berlin-Gesetz gezogenen Grenzen standen, läßt sich kaum noch feststellen. Denn dieses neue, große Berlin umfaßt wesentliche Teile der früheren Kreise Niederbarnim, Teltow und Osthavelland, über die nach den Aktenverlusten des Zweiten Weltkriegs authentisches Material nicht mehr greifbar ist. Ich schätze aber, daß es fast 200 waren.
Darauf lassen nicht nur die vielen noch vorhandenen Mühlenstraßen und Mühlenwege schließen, sondern auch die Tatsache, daß der 1971 seiner Arbeit und seinen Freunden viel zu früh entrissene Heimatforscher Wilhelm Schmidt allein in den vier Ortsteilen des heimatlichen Bezirks Neukölln im ganzen 27 Windmühlen nachweisen konnte, von denen nur zwei bis heute erhalten blieben.
Mit zwei weiteren in West-Berlin und einer im Osten unserer Stadt sind es insgesamt fünf, die in Berlin das Mühlensterben überlebten. Wie lange noch, ist schwer zu sagen. Wenn sie auch alle unter Denkmalschutz stehen, so hörte man doch von der Bohnsdorfer Windmühle in der Glienicker Straße, daß sie umziehen müsse, weil “am augenblicklichen Standplatz eine vernünftige Nutzung nicht möglich sei”. Sie war schon einmal umgesetzt worden, 1872 von Köpenick nach Bohnsdorf. Wie es scheint, ist das Wandern nicht nur des Müllers, vielmehr auch der Mühlen Lust.
Dafür bietet die Bohnsdorfer Windmühle auch die besten Voraussetzungen, ist sie doch eine sogenannte Bockwindmühle. Um “arbeiten” zu können, muß das ganze, aus Holz bestehende Mühlenhaus um ein aus schweren Balken gebautes Gestell- den namengebenden Bock – in den Wind gedreht werden.
Alle vier Westberliner Windmühlen sind dagegen “Hol-
156 länder”, wie sie nach ihrem Hauptverbreitungsgebiet ge-
Holländische Mühle in Zeblendor], Federzeichnung von Wilhelm Reichner, 1931
nannt werden. Bei ihnen ist nur die hölzerne Mühlenhaube mit dem Flügelwetk drehbar.
Obwohl ihr Name tagtäglich als Autobus-Haltestelle ausgerufen wird, ist die »Holländische Mühle” an der Berliner Straße 75 in Zehlendorf den meisten nicht bekannt. Man findet sie auch erst, wenn man systematisch nach ihr sucht. Der 1881 von dem Müllermeister Radiowerrichtete Turmbau aus gelben Backsteinen steht verborgen im Hin-
terland des Grundstücks und entbehrt auch seit dem 157
Kriege der so kennzeichnenden Flügel. Die Bewohner der umliegenden Eigenheimsiedlung “Mühlenau” hatten auf ihre Entfernung gedrungen, weil sie befürchteten, daß sich feindliche Bombenflieger daran orientieren könnten. Nun hat man schon in den Kriegszügen des Alten Fritzen jede Windmühle in Flammen aufgehen lassen, denn der Müller könnte doch durch die Stellung der Flügel dem Feind irgendwelche Kunde geben.
Die Zehlendorfer Mühle dient seit langem nicht mehr ihrer Bestimmung; auch die Adlermühle in Mariendorf, Buchsteinweg 32/34, nahe der Ecke Säntisstraße und Mariendorfer Damm, ist seit Jahrzehnten nur noch Landschaftskulisse. Besonders schön schaut das 1888 von dem Friedenauer Architekten HiIIerkuß gestaltete Bauwerk nicht aus, nachdem es sein Flügelwerk verlor und von dem Umgang im dritten Stockwerk nur die wie Stacheln aus den Mauern starrenden Eisenträger übrigblieben. Die siebente Mühle des bis in die zwanziger Jahre hinein ob seiner Landbrotbäckereien in ganz Berlin bekannten Teltowdorfs Mariendorf galt als größte der Mark Brandenburg und konnte bei “Halbsturm” in 24 Stunden fünfzig Doppelzentner Getreide vermahlen, was für reinen Windbetrieb eine sehr beachtliche Leistung war.
Dem namengebenden gußeisernen Preußenadler über dem Mühlenportal lag eine Skizze Schinkels zugrunde, die er dem Sockelschmuck der Denkmäler für die Feldherren der Freiheitskriege Unter den Linden widmete. Im Innern ist die Adlermühle sehr ansprechend eingerichtet. Alles Eigenarbeit des vor einigen Jahren hier eingezogenen Schwimmvereins “Friesen 1895″, dem zur Vollendung seines Glücks nur noch ein überdachtes Schwimmbecken fehlt. Doch dem stehen ein festgesetzter Bebauungsplan und der Denkmalschutz im Wege.
Auch die Windmühle holländischer Bauart am Buckower Damm 130/134 in Britz ist nur noch schmückender Gegenstand einer mehr und mehr von der Bauwut aufgefressenen Landschaft. Der Mühlenmeister Dörfer aus Berlin
158 hatte sie 1865 erbaut, aber nach der Familie, der sie von
1874 bis 1940 gehörte, heißt sie Stechansche Mühle. Im Jahre 1936 wurde sie durch den damaligen Pächter mit einem Dieselmotor vom Wind unabhängig gemacht und bis 1953 hat man hier noch Korn gemahlen. Seit 1959 gehört die Mühle dem Land Berlin, das erhebliche Mittel für ihre Restaurierung aufwendete und allein 30 000 Schindeln imprägnierten Fichtenholzes aus Württemberg beschaffte.
Im ausgeräumten Innern wollte ein junger Gewerbeoberlehrer ein Mühlenmuseum einrichten. Doch mußte er bald erkennen, daß Enthusiasmus und persönliches Engagement nicht genügten, um diesen Plan zu verwirklichen.
Von der Stechanschen Mühle in Britz ist es nicht weit bis zur Jungfernmühle in Buckow-Ost, und bis vor wenigen Jahren sah man sie auch in dem flachen Gelände aufragen, vor der blauen Silhouette der Müggelberge im Hintergrund. Jetzt ist sie völlig eingebaut, aber wenigstens noch vorhanden. Auch arbeitet sie noch, wenn auch seit 1926 mit elektrischer Energie; doch die Flügel hat man ihr belassen beziehungsweise wiederhergestellt.
Die jungfernmühle ist die älteste Berlins und ursprünglich in Potsdam Anno 1753 als “Walslebensche Holländische Mühle” entstanden. Wenn es die Sage auch behauptet, so war sie niemals in Sanssouci beheimatet: 1858 wurde die damals schon so bezeichnete “Jungfernmühle” von dem Mühlenmeister Blankenburg nach Rixdorf, dem heutigen Neukölln, verlegt und 1871 an Otto Wienecke verkauft. Die fortschreitende Bebauung nahm ihr in Rixdorf den Wind, so daß sie 1892 nach Buckow umgesetzt werden mußte, wo sie jetzt von Wieneckes Enkel betrieben wird.
Die 1958 vom Amt für Denkmalpflege durch eine neue ersetzte, geschnitzte Zierbohle über der Mühlenpforte mit dem namengebenden Jungfernkopf inmitten von Rocaillen erinnert an die schöne jungfräuliche Müllerstochter, die einst von den Mühlenflügeln erfaßt und tödlich ver-
letzt wurde, als die Mühle noch in Potsdam stand. 159

Wie viele Windmühlen einst in Berlin innerhalb der 1920 durch das Groß-Berlin-Gesetz gezogenen Grenzen standen, läßt sich kaum noch feststellen. Denn dieses neue, große Berlin umfaßt wesentliche Teile der früheren Kreise Niederbarnim, Teltow und Osthavelland, über die nach den Aktenverlusten des Zweiten Weltkriegs authentisches Material nicht mehr greifbar ist. Ich schätze aber, daß es fast 200 waren.

Darauf lassen nicht nur die vielen noch vorhandenen Mühlenstraßen und Mühlenwege schließen, sondern auch die Tatsache, daß der 1971 seiner Arbeit und seinen Freunden viel zu früh entrissene Heimatforscher Wilhelm Schmidt allein in den vier Ortsteilen des heimatlichen Bezirks Neukölln im ganzen 27 Windmühlen nachweisen konnte, von denen nur zwei bis heute erhalten blieben.

Mit zwei weiteren in West-Berlin und einer im Osten unserer Stadt sind es insgesamt fünf, die in Berlin das Mühlensterben überlebten. Wie lange noch, ist schwer zu sagen. Wenn sie auch alle unter Denkmalschutz stehen, so hörte man doch von der Bohnsdorfer Windmühle in der Glienicker Straße, daß sie umziehen müsse, weil “am augenblicklichen Standplatz eine vernünftige Nutzung nicht möglich sei”. Sie war schon einmal umgesetzt worden, 1872 von Köpenick nach Bohnsdorf. Wie es scheint, ist das Wandern nicht nur des Müllers, vielmehr auch der Mühlen Lust.

Dafür bietet die Bohnsdorfer Windmühle auch die besten Voraussetzungen, ist sie doch eine sogenannte Bockwindmühle. Um “arbeiten” zu können, muß das ganze, aus Holz bestehende Mühlenhaus um ein aus schweren Balken gebautes Gestell- den namengebenden Bock – in den Wind gedreht werden.

Alle vier Westberliner Windmühlen sind dagegen “Holländer”, wie sie nach ihrem Hauptverbreitungsgebiet genannt werden. Bei ihnen ist nur die hölzerne Mühlenhaube mit dem Flügelwerk drehbar.

Obwohl ihr Name tagtäglich als Autobus-Haltestelle ausgerufen wird, ist die »Holländische Mühle” an der Berliner Straße 75 in Zehlendorf den meisten nicht bekannt. Man findet sie auch erst, wenn man systematisch nach ihr sucht. Der 1881 von dem Müllermeister Radiowerrichtete Turmbau aus gelben Backsteinen steht verborgen im Hinterland des Grundstücks und entbehrt auch seit dem Kriege der so kennzeichnenden Flügel.

Die Bewohner der umliegenden Eigenheimsiedlung “Mühlenau” hatten auf ihre Entfernung gedrungen, weil sie befürchteten, daß sich feindliche Bombenflieger daran orientieren könnten. Nun hat man schon in den Kriegszügen des Alten Fritzen jede Windmühle in Flammen aufgehen lassen, denn der Müller könnte doch durch die Stellung der Flügel dem Feind irgendwelche Kunde geben.

Die Zehlendorfer Mühle dient seit langem nicht mehr ihrer Bestimmung; auch die Adlermühle in Mariendorf, Buchsteinweg 32/34, nahe der Ecke Säntisstraße und Mariendorfer Damm, ist seit Jahrzehnten nur noch Landschaftskulisse. Besonders schön schaut das 1888 von dem Friedenauer Architekten HiIIerkuß gestaltete Bauwerk nicht aus, nachdem es sein Flügelwerk verlor und von dem Umgang im dritten Stockwerk nur die wie Stacheln aus den Mauern starrenden Eisenträger übrigblieben. Die siebente Mühle des bis in die zwanziger Jahre hinein ob seiner Landbrotbäckereien in ganz Berlin bekannten Teltowdorfs Mariendorf galt als größte der Mark Brandenburg und konnte bei “Halbsturm” in 24 Stunden fünfzig Doppelzentner Getreide vermahlen, was für reinen Windbetrieb eine sehr beachtliche Leistung war.

Dem namengebenden gußeisernen Preußenadler über dem Mühlenportal lag eine Skizze Schinkels zugrunde, die er dem Sockelschmuck der Denkmäler für die Feldherren der Freiheitskriege Unter den Linden widmete. Im Innern ist die Adlermühle sehr ansprechend eingerichtet. Alles Eigenarbeit des vor einigen Jahren hier eingezogenen Schwimmvereins “Friesen 1895″, dem zur Vollendung seines Glücks nur noch ein überdachtes Schwimmbecken fehlt. Doch dem stehen ein festgesetzter Bebauungsplan und der Denkmalschutz im Wege.

Auch die Windmühle holländischer Bauart am Buckower Damm 130/134 in Britz ist nur noch schmückender Gegenstand einer mehr und mehr von der Bauwut aufgefressenen Landschaft. Der Mühlenmeister Dörfer aus Berlin hatte sie 1865 erbaut, aber nach der Familie, der sie von 1874 bis 1940 gehörte, heißt sie Stechansche Mühle. Im Jahre 1936 wurde sie durch den damaligen Pächter mit einem Dieselmotor vom Wind unabhängig gemacht und bis 1953 hat man hier noch Korn gemahlen. Seit 1959 gehört die Mühle dem Land Berlin, das erhebliche Mittel für ihre Restaurierung aufwendete und allein 30 000 Schindeln imprägnierten Fichtenholzes aus Württemberg beschaffte.

Im ausgeräumten Innern wollte ein junger Gewerbeoberlehrer ein Mühlenmuseum einrichten. Doch mußte er bald erkennen, daß Enthusiasmus und persönliches Engagement nicht genügten, um diesen Plan zu verwirklichen.

Von der Stechanschen Mühle in Britz ist es nicht weit bis zur Jungfernmühle in Buckow-Ost, und bis vor wenigen Jahren sah man sie auch in dem flachen Gelände aufragen, vor der blauen Silhouette der Müggelberge im Hintergrund. Jetzt ist sie völlig eingebaut, aber wenigstens noch vorhanden. Auch arbeitet sie noch, wenn auch seit 1926 mit elektrischer Energie; doch die Flügel hat man ihr belassen beziehungsweise wiederhergestellt.

Die jungfernmühle ist die älteste Berlins und ursprünglich in Potsdam Anno 1753 als “Walslebensche Holländische Mühle” entstanden. Wenn es die Sage auch behauptet, so war sie niemals in Sanssouci beheimatet: 1858 wurde die damals schon so bezeichnete “Jungfernmühle” von dem Mühlenmeister Blankenburg nach Rixdorf, dem heutigen Neukölln, verlegt und 1871 an Otto Wienecke verkauft. Die fortschreitende Bebauung nahm ihr in Rixdorf den Wind, so daß sie 1892 nach Buckow umgesetzt werden mußte, wo sie jetzt von Wieneckes Enkel betrieben wird.

Die 1958 vom Amt für Denkmalpflege durch eine neue ersetzte, geschnitzte Zierbohle über der Mühlenpforte mit dem namengebenden Jungfernkopf inmitten von Rocaillen erinnert an die schöne jungfräuliche Müllerstochter, die einst von den Mühlenflügeln erfaßt und tödlich verletzt wurde, als die Mühle noch in Potsdam stand.



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