Das Nicolaihaus in Alt-Kölln

So mancher, der in den letzten Jahren auf die des Öfteren in Aussicht gestellten Passierscheine hoffte, hatte sich nicht nur auf das Wiedersehen mit Verwandten gefreut, sondern wollte auch durch Augenschein feststellen, was der mit dem 20. Geburtstag der DDR ursächlich verbundene “Neuaufbau eines sozialistischen Stadtzentrums” vom alten Berlin übrigließ. Schließlich ist man lange nicht mehr “drüben” gewesen.

Schauen wir uns also im Geiste um, und zwar in Kölln, der alten Schwesterstadt Berlins zwischen Spree und Schleusenkanal, den die Berliner beharrlich Kupfergraben nennen, obwohl diese Bezeichnung offiziell nur für den Unterlauf stromab der Eisernen Brücke gilt. Die sagenumwobene Jungfernbrücke steht noch in der Gestalt, die sie 1798 erhielt. Doch von den Häusern der benachbarten Friedrichsgracht ist bis zur Gertraudenbrücke (auf die Siemerings schönes Standbild der mildtätigen Äbtissin von Nivelles bereits vor Jahr und Tag zurückkehrte) nur ein einziges, zudem nicht allzu altes übriggeblieben. Seit 1967 ist es eingerahmt von sechsgeschossigen Apartmenthausern, die vom “VEB Berlin-Projekt” nach den westlich orientierten Entwürfen der Architekten Braun und Graffunder aufgeführt wurden. Rund 700 Ein- und Zweizimmerwohnungen umfassen diese äußerlich recht ansprechenden Neubauten, die entlang der nur noch dem Namen nach vorhandenen Sperlingsgasse und der Scharrenstraße bis in die Brüderstraße hinein reichen und die früher im baulichen Maßstab so harmonische Straße nun als schmalbrüstiges Gässchen erscheinen lassen.

In der Brüderstraße – nach dem einst hier befindlichen Dominikanerkonvent, den “schwarzen Brüdern” benannt – blieben von alten Gebäuden nur das gleichfalls der Volkssage verbundene “Galgenhaus” (Nr. 10) und Nr.13, über dessen Portal noch lange “Nicolai Buchhandlung” zu lesen war und in dem jetzt das Institut für Denkmalpflege seinen Amtssitz hat.

“Der Buchhändler Christoph Friedrich Nicolai – ,bewundert viel und viel gescholten’ – hat darin allerlei Kluges und leider noch weit mehr pedantisch Dummes geschrieben und verlegt, und im Sommer 1811 sang hier der zwanzigjährige Bergakademiker Theodor Körner seine Lieder. Erinnerungstafeln schmücken die Front des Hauses, und die Stadt Berlin, die sie gestiftet, unterscheidet mit feiner Dialektik den Dichter vom Philister: Dieser, wohnte und wirkte’, jener ,weilte und dichtete’ hier.” Das schrieb mein berlinischer Wegbereiter Adolf Heilborn vor 50 Jahren in seiner “Reise nach Berlin”.
Seitdem sind weitere Gedenktafeln hinzugekommen. Für Christi an Gottfried Körner, Minna Körner, geb. Stock Theodors Eltern – und für die Malerin Dora Stock (Minnas Schwester), die 1815 bis 1828 hier wohnten, sowie für Elisa von der Recke und August Tiedge (1814/15 im Hause). Am 11. Dezember 1958, dem 200. Geburtstag des Maurermeisters, Musikprofessors und Duzfreund Goethes, Carl Friedrich Zelter, wurde eine fünfte Gedenktafel angebracht. Zelter war nämlich oft Gast in dem aus der Zeit des ersten Preußenkönigs stammenden Hause, das er 1787 für den neuen Besitzer Nicolai umgebaut hatte.

Kundige Thebaner werden fragen: Und keine Tafel für Lessing, dem hier, in der einstigen Wohnung Nicolais, ein hübsches Museum geweiht war? Der Name “Lessingmuseum” war insofern irreführend, als es auch ein Körner- und Nicolaimuseum wie überhaupt ein Museum des geistigen Alt-Berlin darstellte. Jedoch hat der Dichter der “Minna von Barnhelm” und des “Laokoon” das erinnerungsträchtige Haus nie betreten, weil er bereits sechs Jahre im Reich der Toten weilte, als sein Freund und Verleger Nicolai von der Schlossfreiheit hierher zog. Für das Lessingmuseum war das Nicolaische Haus zur willkommenen Zuflucht geworden, nachdem seine Gründungsstätte am Königsgraben 1910 dem Erweiterungsbau des Warenhauses Tietz im Wege stand. Dort hatte Lessing in den Jahren 1765 bis 1767 beim Kupferstecher Schleuen gewohnt und “Minna von Barnhelm” vollendet.
Durch seine musikalisch oder literarisch gestalteten, kostenlosen Donnerstagabende auch bei denen bekannt und beliebt geworden, die sonst nichts für “historische Mottenkisten” übrig haben, musste das Lessingmuseum 1936 die gastlichen Pforten schließen. Angeblich, weil keine Mittel zu seiner Erhaltung vorhanden waren. Der wahre Grund: Dem Nazi-Regime war ein Museum, das den Autor des “Nathan” feierte, unerwünscht.

Ein Teil der in dreißig Jahren mühsam zusammengetragenen und liebevoll gehüteten Schätze kam in die Staatsbibliothek, ein anderer ins Märkische Museum. Dieses holte sich den Rest erst nach dem Kriege, als der letzte im Hause wohnende Nachkomme Nicolais gestorben war. Wer einmal Gast in der Partheyschen Wohnung im zweiten Stock sein konnte, erinnert sich unzähliger Familienandenken in den noch mit Möbeln aus Nicolais Besitz ausgestatteten Räumen. Hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Von den Wänden grüßten Olbilder, Aquarelle, Handzeichnungen und Schattenrisse mit den Porträts der Hausbewohner und Freunde aus fast zwei Jahrhunderten, darunter eigenhändige Arbeiten von Chodowiecki, Graff, Tischbein und anderen Meistern.



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