Das einstige Berlins Bierparadies: “Bock” und “Zippe”

“Bock” und “Zippe”, einst Berlins Bierparadies
Wenn der weihnachtliche Verkaufs- und Geschenkrummel bereits im Spätherbst beginnt, so sind konsumwirtschaftliche Gesichtspunkte daran schuld. Doch was Berlins Bierbrauer bewogen hat, ihre Bockbiersaison langsam aber sicher fast ein halbes Jahr vorzuverlegen, ist mir nicht klar geworden. Für unsere Großväter war “der Bock” nämlich der erste Frühlingsbote; er kam im März, kurz vor Ostern, noch ehe Storch oder Schwalbe zurückgekehrt waren. In den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts wurde der Bock bald nach Neujahr angestochen, und seit einigen Jahren tut man es bereits im Oktober/November, um den braunen Gerstensaft dann fast bis Ostern fließen zu lassen. Charakter und Namen verdankt er dem bierberühmten Städtchen Einbeck in Niedersachsen; aus “ainpöckisch pier” hat sich das Wort seit dem Mittelalter in “Bock” gewandelt.
Stärker noch und in verhältnismäßig kurzer Zeit veränderten sich die populärsten und dementsprechend besuchten Bockbierschankstätten, zu denen einst die Durstigen von ganz Berlin wallfahrten: die Berliner BockBrauerei auf dem Tempelhofer Berg und die Spandauer Bergbrauerei. In der Fidicinstraße befindet .sich an Stelle der bereits im Ersten Weltkriege stillgelegten, im Zweiten zerstörten Brauerei der Neubau eines bezirklichen Altersheim, in dem einige betagte Knaben noch von ihren früheren Kämpfen mit König Gambrinus und seiner wichtigsten Hilfstruppe, dem Bock, zu berichten wissen, bei denen der König und seine Truppe meist Sieger blieben. Am Spandauer Berg sind es nur noch ein paar Gewölbe, die an das Leben und Treiben erinnern, das hier zur Bockbierzeit herrschte.
Der 1943 im gesegneten Alter von 84 Jahren verstorbene Schriftsteller Paul Lindenberg hat es bereits 1884 in einem verschollenen Bändchen von Reclams Universal-Bibliothek festgehalten: “Dann sieht man kaum etwas von dem
160 grauen Boden der Chaussee, Menschen neben Menschen,
+
so weit wir blicken können, ein wahres Meer von Köpfen, das sich nicht zu erschöpfen scheint, sondern stets neuen Zuschuß erhält. Aus dem Arbeiter-, Handwerker- und kleinen Beamtenstande rekrutiert sich diese Menge, wahre Familien-Karawanen pilgern den Berg hinan, vom Großvater an bis zum Enkel herab, der noch auf dem Arm getragen oder im Kinderwagen – zuweilen ersetzt ein Schubkarren dessen Stelle – gefahren werden muß. Ob die Sonne scheint oder ob es regnet, ob es stürmt oder ob es bitterlich kalt ist – das bleibt sich gleich, der Spandauer Bock ist eröffnet, da ist es Bürgerpflicht, ihn zu besuchen!”
Diesem kategorischen Imperativ hat sich auch Julius Stindes “Buchholzen ” nicht entziehen können. Doch war die Philistermadame aus der Landsberger Straße – durch den Autor bedingt, der aus einem holsteinischen Pastorenhaus kam – nicht ganz so enthusiasmiert wie der Urberliner Lindenberg. Wilhelmine Buchholz schrieb: “Denken Sie sich zwei große Hallen, die wie ein Winkelmaß aufeinanderpassen. Diese Hallen sind blitzblau von Tabaksqualm, oben voll von Gaskronen, unten voll von Menschen; also oben hell, in der Mitte graublau und unten schwarz. Aus jeder Halle dringt nun ein Getöse auf den ahnungslosen Ankömmling ein, daß er nicht weiß, ob er bleiben. oder sofort wieder fliehen soll, und zwar so viel Lärm, als zwei Musikchöre und eine tobende Menschheit zusammen vollführen können. Welche singen, welche klopfen mit den Seideln, welche schlagen mit den Spazierstöcken auf den Tisch, welche schreien, aber still ist keiner. Dies muß man sich von Tausenden von Menschen vorstellen. Es ist, als wäre die Hölle losgelassen. 0 du Grundgütiger, dachte ich, wärst du hier nur erst wieder weg.”
Und wem war diese so verschieden aufgenommene Volksvergnügungsstätte anzulasten? Natürlich einem “Zugereisten”, dem aus der Bamberger Gegend stammenden Braumeister Konrad Bechmann. Nachdem er in Grünthai bei Biesenthal auf dem Gute’ des Amtsrats Schütz durch
sein “Grünthaler Unterhöhler” bewiesen hatte, daß er 161
verstand, ein gutes Lagerbier nach bayerischer Art herzustellen, machte er sich 1840 selbständig und erwarb für 12000 Taler die Spandauer Brauerei. Er verlegte sie von der Innenstadt – Mönch- Ecke Potsdamer Straße – zum Spandauer Berg und konnte sich bei dieser Aktion der Unterstützung der Königin Elisabeth erfreuen. Die gebürtige bayerische Prinzessin war der Meinung, das Bier sei ein wirksames Mittel zur Bekämpfung des Branntweingenusses und sorgte für beschleunigte Bau- und Schankerlaubnis.
Bechmanns erstes Etablissement lag auf dem spitzen Dreieck an der Ecke Spandauer Damm und Reichsstraße, auf dem seit einigen Jahren inmitten der alten Bäume des “Bocks” ein dreizehngeschossiges Arbeitnehmerwohnheim steht. Wenige Jahre später verlegte Bechmann sein Restaurant und die später sehr großzügig ausgebaute, im Span dauer Festungsstil gehaltene Brauerei auf die gegenüberliegende Seite, wo vierzig Morgen seines insgesamt 58 Morgen umfassenden Grundbesitzes lagen. Zum “Bock” hatte sich nun die “Zibbe” gesellt.
Während auf dem eigentlichen “Bock” neben dem Bier nur Tanzsäle, Spiel- und Würfelbuden lockten, bot sich vom Garten der “Zibbe” aus eine prächtige Aussicht auf das damals noch nicht von der Industrie verschandelte, anmutige Spreetal zwischen Spandau und der Jungfernheide. Die heute kaum vorstellbare Situation hatte auch 1866 den millionenschweren Verleger einer Modenzeitschrift veranlaßt, dem erfolgreichen Brauer Bechmann 100 000 Quadratmeter abzukaufen und auf ihnen eine feudale Besitzung anzulegen, die jetzt als “Ruhwaldpark” allen offensteht.
Mit “Bock” und “Zibbe” war es in den dreißiger Jahren vorbei, nachdem die 1917 von Schultheiß erworbene Brauerei bereits Ende des Ersten Weltkrieges ihre Produktion eingestellt hatte und eine Zeitlang von der Chemischen Fabrik C. A. F. Kahlbaum benutzt wurde. Das Ende kam mit dem Bombenkrieg, der nur ein paar gewölbte
162 Bierkeller übrigließ, in denen jetzt “Berlins Garten-Cen-
ter” all das feilbietet, was man im Garten braucht oder auch nicht. Die hier tätigen jungen Leute sind immer wieder erstaunt, wenn ältere Kunden von 60, 70 und mehr Jahren angesichts der Gewölbe glänzende Augen bekommen und spontan von den auf “Bock” und “Zibbe” verlebten schönen Stunden erzählen.
Der Spandauer Bock um 1850

Wenn der weihnachtliche Verkaufs- und Geschenkrummel bereits im Spätherbst beginnt, so sind konsumwirtschaftliche Gesichtspunkte daran schuld. Doch was Berlins Bierbrauer bewogen hat, ihre Bockbiersaison langsam aber sicher fast ein halbes Jahr vorzuverlegen, ist mir nicht klar geworden. Für unsere Großväter war “der Bock” nämlich der erste Frühlingsbote; er kam im März, kurz vor Ostern, noch ehe Storch oder Schwalbe zurückgekehrt waren. In den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts wurde der Bock bald nach Neujahr angestochen, und seit einigen Jahren tut man es bereits im Oktober/November, um den braunen Gerstensaft dann fast bis Ostern fließen zu lassen. Charakter und Namen verdankt er dem bierberühmten Städtchen Einbeck in Niedersachsen; aus “ainpöckisch pier” hat sich das Wort seit dem Mittelalter in “Bock” gewandelt.

Stärker noch und in verhältnismäßig kurzer Zeit veränderten sich die populärsten und dementsprechend besuchten Bockbierschankstätten, zu denen einst die Durstigen von ganz Berlin wallfahrten: die Berliner BockBrauerei auf dem Tempelhofer Berg und die Spandauer Bergbrauerei. In der Fidicinstraße befindet .sich an Stelle der bereits im Ersten Weltkriege stillgelegten, im Zweiten zerstörten Brauerei der Neubau eines bezirklichen Altersheim, in dem einige betagte Knaben noch von ihren früheren Kämpfen mit König Gambrinus und seiner wichtigsten Hilfstruppe, dem Bock, zu berichten wissen, bei denen der König und seine Truppe meist Sieger blieben. Am Spandauer Berg sind es nur noch ein paar Gewölbe, die an das Leben und Treiben erinnern, das hier zur Bockbierzeit herrschte.

Der 1943 im gesegneten Alter von 84 Jahren verstorbene Schriftsteller Paul Lindenberg hat es bereits 1884 in einem verschollenen Bändchen von Reclams Universal-Bibliothek festgehalten: “Dann sieht man kaum etwas von dem grauen Boden der Chaussee, Menschen neben Menschen, so weit wir blicken können, ein wahres Meer von Köpfen, das sich nicht zu erschöpfen scheint, sondern stets neuen Zuschuß erhält. Aus dem Arbeiter-, Handwerker- und kleinen Beamtenstande rekrutiert sich diese Menge, wahre Familien-Karawanen pilgern den Berg hinan, vom Großvater an bis zum Enkel herab, der noch auf dem Arm getragen oder im Kinderwagen – zuweilen ersetzt ein Schubkarren dessen Stelle – gefahren werden muß. Ob die Sonne scheint oder ob es regnet, ob es stürmt oder ob es bitterlich kalt ist – das bleibt sich gleich, der Spandauer Bock ist eröffnet, da ist es Bürgerpflicht, ihn zu besuchen!”

Diesem kategorischen Imperativ hat sich auch Julius Stindes “Buchholzen ” nicht entziehen können. Doch war die Philistermadame aus der Landsberger Straße – durch den Autor bedingt, der aus einem holsteinischen Pastorenhaus kam – nicht ganz so enthusiasmiert wie der Urberliner Lindenberg. Wilhelmine Buchholz schrieb: “Denken Sie sich zwei große Hallen, die wie ein Winkelmaß aufeinanderpassen. Diese Hallen sind blitzblau von Tabaksqualm, oben voll von Gaskronen, unten voll von Menschen; also oben hell, in der Mitte graublau und unten schwarz. Aus jeder Halle dringt nun ein Getöse auf den ahnungslosen Ankömmling ein, daß er nicht weiß, ob er bleiben. oder sofort wieder fliehen soll, und zwar so viel Lärm, als zwei Musikchöre und eine tobende Menschheit zusammen vollführen können. Welche singen, welche klopfen mit den Seideln, welche schlagen mit den Spazierstöcken auf den Tisch, welche schreien, aber still ist keiner. Dies muß man sich von Tausenden von Menschen vorstellen. Es ist, als wäre die Hölle losgelassen. 0 du Grundgütiger, dachte ich, wärst du hier nur erst wieder weg.”

Und wem war diese so verschieden aufgenommene Volksvergnügungsstätte anzulasten? Natürlich einem “Zugereisten”, dem aus der Bamberger Gegend stammenden Braumeister Konrad Bechmann. Nachdem er in Grünthai bei Biesenthal auf dem Gute’ des Amtsrats Schütz durch  sein “Grünthaler Unterhöhler” bewiesen hatte, daß er verstand, ein gutes Lagerbier nach bayerischer Art herzustellen, machte er sich 1840 selbständig und erwarb für 12000 Taler die Spandauer Brauerei. Er verlegte sie von der Innenstadt – Mönch- Ecke Potsdamer Straße – zum Spandauer Berg und konnte sich bei dieser Aktion der Unterstützung der Königin Elisabeth erfreuen. Die gebürtige bayerische Prinzessin war der Meinung, das Bier sei ein wirksames Mittel zur Bekämpfung des Branntweingenusses und sorgte für beschleunigte Bau- und Schankerlaubnis.

Bechmanns erstes Etablissement lag auf dem spitzen Dreieck an der Ecke Spandauer Damm und Reichsstraße, auf dem seit einigen Jahren inmitten der alten Bäume des “Bocks” ein dreizehngeschossiges Arbeitnehmerwohnheim steht. Wenige Jahre später verlegte Bechmann sein Restaurant und die später sehr großzügig ausgebaute, im Span dauer Festungsstil gehaltene Brauerei auf die gegenüberliegende Seite, wo vierzig Morgen seines insgesamt 58 Morgen umfassenden Grundbesitzes lagen. Zum “Bock” hatte sich nun die “Zibbe” gesellt.

Während auf dem eigentlichen “Bock” neben dem Bier nur Tanzsäle, Spiel- und Würfelbuden lockten, bot sich vom Garten der “Zibbe” aus eine prächtige Aussicht auf das damals noch nicht von der Industrie verschandelte, anmutige Spreetal zwischen Spandau und der Jungfernheide. Die heute kaum vorstellbare Situation hatte auch 1866 den millionenschweren Verleger einer Modenzeitschrift veranlaßt, dem erfolgreichen Brauer Bechmann 100 000 Quadratmeter abzukaufen und auf ihnen eine feudale Besitzung anzulegen, die jetzt als “Ruhwaldpark” allen offensteht.

Mit “Bock” und “Zibbe” war es in den dreißiger Jahren vorbei, nachdem die 1917 von Schultheiß erworbene Brauerei bereits Ende des Ersten Weltkrieges ihre Produktion eingestellt hatte und eine Zeitlang von der Chemischen Fabrik C. A. F. Kahlbaum benutzt wurde. Das Ende kam mit dem Bombenkrieg, der nur ein paar gewölbte Bierkeller übrigließ, in denen jetzt “Berlins Garten-Center” all das feilbietet, was man im Garten braucht oder auch nicht. Die hier tätigen jungen Leute sind immer wieder erstaunt, wenn ältere Kunden von 60, 70 und mehr Jahren angesichts der Gewölbe glänzende Augen bekommen und spontan von den auf “Bock” und “Zibbe” verlebten schönen Stunden erzählen.



Ähnliche Artikel in diesem Blog:

Hinterlasse eine Antwort

Du musst angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.