Das 200jährige Schulzendorf fing mit einem Teerofen an

Wissen Sie, wo in Berlin die Kartoffelpuffer nur auf einer Seite gebacken werden? Nun, in Schulzendorf. Warum? Weil auf der anderen Seite keine Häuser stehen. Es handelt sich aber nicht etwa um die Ca lauer Straße, sondern um die Ruppiner Chaussee, die bis 1828 auch viel befahrene Poststraße nach Hamburg war. Dann reiste man über Spandau an die EIbe.

Schulzen dorf hat sogar einen S-Bahnhof, der aber seit eh und je auf Heiligenseer Grund und Boden liegt. Das “Erbzinsvorwerk und die Kolonie Schulzendorf” (wie alte Chroniken sie nennen) gehören jetzt auch zu Heiligensee, bildeten einst aber eine selbständige Gemarkung. Kaum mehr als einen Kilometer lang und maximal nur 300 Meter breit, reichte sie von der Beyschlagstraße bis zum Forstamt im “Tegelgrund”. Der gelegentlich als alter Flurname erklärte “Beyschlag” geht aber auf Franz Beyschlag zurück; von 1906 bis 1923 war er Direktor der Geologischen Landesanstalt und erfuhr diese Ehrung schon zu Lebzeiten.

Doch was ist das schon gegen die Ehre, die Schulzendorf durch den Alten Fritz zuteil wurde. Vor 200 Jahren, am 6. Juli 1772, unterschrieb er eigenhändig die Gründungsurkunde, in der es heißt, daß alle Besitzungen “bey dem Theer-Ofen in der Heiligenseesehen Heyde in ein einziges Etablissement unter der Benennung Schultzendorff zusammengezogen werden sollen. ”

Ein Teerofen stand also am Anfang. Jene nützliche Einrichtung, die in früheren Jahrhunderten überall in größeren Waldungen anzutreffen war, wo “Schwarzarbeiter” den “Lagerkiehn” verwerteten und den gewonnenen Teer zum Schmieren der hölzernen Wagenachsen bereithielten. Dieser Teerofen lag nahe dem Apolloberg, (der damals noch Eichelberg hieß) und war im Interesse der Fuhrleute - ihre Kehlen wollten schließlich auch geschmiert sein – schon mit einem Ausschank verbunden.

Im Jahre 1752 hatte der Forstsekretär Schultze in Tegel, dem das zum “Tegeler Beritt” gehörige Heiligenseer Forstrevier unterstellt war, um die Genehmigung zum Bau von zwei Tagelöhnerhäusern zu je vier Wohnungen gebeten. Der tüchtige Schultze, der es wenig später bis zum Forstrat brachte, hatte nämlich die Brennholzlieferung für das Berliner Holzmagazin übernommen und fürchtete, keine Holzfäller zu bekommen, falls er ihnen nicht Wohnungen in der Heide bot. Die Häuser – Vorläufer des sozialen Wohnungsbaus von heute – wurden auch mit königlicher Genehmigung gebaut und nach dem Tode Schultzes (1755) durch seine Witwe um weitere Baulichkeiten auf den nach und nach erworbenen Ländereien vermehrt, die man der Frau ”Forst-Räthin” Schultze, geborene Breitenfeldt, gegen “einen proportionierlichen Grundzins in Erbpacht” übergab.

In zweiter Ehe verband sich die unternehmungslustige Frau mit dem Holzschreiber und späteren Salzschiffahrtsdirektor Andreas Wiesel, dem es gelang, von “Seiner Königlichen Majestät in Preußen” die erwähnte Erbverschreibung zu erhalten. In dem jährlich an das Amt Mühlenbeck zu zahlenden “Canonem” von 60 Talern war auch die “Freiheit des Ruppiner und fremden Bierausschanks” mit inbegriffen. Dieses Ruppiner Bier muß den Berlinern doch besser als ihr selbstgebrautes “Stadtbier” geschmeckt haben, denn in den Nachweisungen der “Bier-Consumtion” stand es mit 25000 Tonnen weitaus an der Spitze der über fünfzig in Berlin zu habenden fremden Biersorten, von denen das Crossener und das Bernauer mit durchschnittlich 3000 bis 6000 Tonnen an zweiter und dritter Stelle rangierten.

Das Gut Schulzendorf war bis nach 1800 im Besitz der Familie Wiesel, ging aber dann von einer Hand in die andere, bis es schließlich der Forstfiskus erwarb und parzellierte. Von den umfangreichen Baulichkeiten des Gutshofes kam nur das “Familienhaus II” auf unsere Tage. Es trägt die Hausnummern 139/141 der Ruppiner Chaussee und ist ein zehnachsiger Massivbau von zwei Geschossen unter Krüppelwalmdach. Die aufgeputzte Quaderung der Hausecken und der beiden Eingänge – im Verein mit den quadratischen Fenstern -läßt an die von dem Landbaumeister David Gilly entworfenen Häuser denken, doch dürfte es kaum vor 1830 entstanden sein.

Kurz zuvor, 1822, ließ sich hier ein Kolonist Wilhelm Neue nieder, dessen Nachkommen noch heute unter dem Namen Neye ansässig sind und zugleich mit der 200- Jahr-Feier Schulzendorfs ihr 150jähriges Jubiläum begehen konnten. Die beliebte Gaststätte heißt zwar “Sommerlust”, ist aber zu allen Jahreszeiten geöffnet, und ihr besonderer Reiz (der auch der benachbarten” Waldklause” zu eigen ist) besteht darin, daß man seinen Kaffee auf der anderen, unbebauten Seite der Ruppiner Chaussee im Wald unter alten Bäumen einnehmen kann.

Das haben die Berliner früher sehr gern getan, viel öfter als heute, wo der West-Berliner nicht nur’ politisch, vielmehr auch geographisch westlich orientiert ist und den Wannsee bevorzugt. Die “hübschen Talschluchten, Hügel und Waldpartien” von Schulzendorf wurden vor mehr als hundert Jahren in allen Berliner Reisehandbüchern gerühmt; auch fehlte nicht der Hinweis, dass der “Koch Jechowsky auf gute Speisen und Getränke hält und selbst dem feinen Publikum zu empfehlen ist.” Dreißig Jahre später bedauerte Straube in seinem bekannten “Wanderbuch für die Mark Brandenburg” , daß der an prächtigen Laub- und Nadelwaldungen so reiche nördliche Teil der Umgebung Berlins unbegreiflicherweise von den Ausflüglern wenig besucht wird.

Ursprünglich war Schulzendorf auch ein beliebtes Ziel der Kremserfahrten, und der Verein Berliner Künstler hat sein Stiftungsfest über Jahrzehnte hinweg alljährlich dort veranstaltet, meistens ohne die schnöde zu Hause gelassenen und darüber zu Recht empörten Künstlerfrauen. Der zur Regel gewordene Verlauf des Festes begann damit, daß man am Oranienburger Tor die Kremser bestieg und mit allen Materialien zur Bereitung der traditionellen Riesenbowle hinausfuhr, um im Schatten der alten Bäume gegenüber von “Sommerlust” sich zunächst an Holztischen von enormer Länge zum Kaffee niederzulassen. Nach Erledigung dieses ersten, wichtigen Programmpunktes begannen die beliebten Spiele im Freien: Ballschlagen, Bocciawerfen, den sogenannten Nuseltopf drehen oder mit Knüppeln nach einem hoch am Baum befestigten Adler werfen. Andere zogen es vor, im Tempel der Natur auf dem moosigen Gras einen anderen Tempel aus bunten Kartenblättern zu errichten.

Während dieser Zeit hatte ein wirklicher Könner aus der Künstlerschar mit aller Kunst, Liebe und Sorgfalt in einem riesenhaften Gefäß die Bowle gemischt. Einer nach dem anderen trat heran, um davon zu kosten, und über dem unausgesetzten Kosten steigerte sich die Stimmung immer höher und höher bis zur Stunde der gemeinsamen Abendtafel, die im Scheine der Windlichter an den langen Holztischen im Walde eingenommen wurde. Dann wendete man sich wieder der unerschöpflich scheinenden Bowle zu, so daß es oft genug schwer fiel, die ganze heitere Gesellschaft wieder vollzählig in die Kremser zu verfrachten und die nächtliche Heimfahrt anzutreten. So mancher der Schulzendorfer Stiftungsfestler soll sich auf dem Berliner Pflaster wiedergefunden haben, ohne die geringste Ahnung, wie er dorthin gelangt war.

Mit einem Teerofen fing es an – das 200jährige Schulzendorf
Wissen Sie, wo in Berlin die Kartoffelpuffer nur auf einer Seite gebacken werden? Nun, in
Schulzendorf. Warum? Weil auf der anderen Seite keine Häuser stehen. Es handelt sich aber nicht
etwa um die Ca lauer Straße, sondern um die Ruppiner Chaussee, die bis 1828 auch viel befahrene
Poststraße nach Hamburg war. Dann reiste man über Spandau an die EIbe.
Schulzen dorf hat sogar einen S-Bahnhof, der aber seit eh und je auf Heiligenseer Grund und
Boden liegt. Das “Erbzinsvorwerk und die Kolonie Schulzendorf” (wie alte Chroniken sie nennen)
gehören jetzt auch zu Heiligensee, bildeten einst aber eine selbständige Gemarkung. Kaum mehr
als einen Kilometer lang und maximal nur 300 Meter breit, reichte sie von der Beyschlagstraße
bis zum Forstamt im “Tegelgrund”. Der gelegentlich als alter Flurname erklärte “Beyschlag” geht
aber auf Franz Beyschlag zurück; von 1906 bis 1923 war er Direktor der Geologischen
Landesanstalt und erfuhr diese Ehrung schon zu Lebzeiten.
Doch was ist das schon gegen die Ehre, die Schulzendorf durch den Alten Fritz zuteil wurde. Vor
200 Jahren, am 6. Juli 1772, unterschrieb er eigenhändig die Gründungsurkunde, in der es heißt,
daß alle Besitzungen “bey dem Theer-Ofen in der Heiligenseesehen Heyde in ein einziges
Etablissement unter der Benennung Schultzendorff zusammengezogen werden sollen. “
Ein Teerofen stand also am Anfang. Jene nützliche Einrichtung, die in früheren Jahrhunderten
überall in größeren Waldungen anzutreffen war, wo “Schwarzarbeiter” den “Lagerkiehn”
verwerteten und den gewonnenen Teer zum Schmieren der hölzernen Wagenachsen bereithielten.
Dieser Teerofen lag nahe dem Apolloberg, (der damals noch Eichelberg hieß) und war im Interesse
der Fuhrleute
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- ihre Kehlen wollten schließlich auch geschmiert sein – schon mit einem Ausschank verbunden.
Im Jahre 1752 hatte der Forstsekretär Schultze in Tegel, dem das zum “Tegeler Beritt” gehörige
Heiligenseer Forstrevier unterstellt war, um die Genehmigung zum Bau von zwei Tagelöhnerhäusern
zu je vier Wohnungen gebeten. Der tüchtige Schultze, der es wenig später bis zum Forstrat
brachte, hatte nämlich die Brennholzlieferung für das Berliner Holzmagazin übernommen und
fürchtete, keine Holzfäller zu bekommen, falls er ihnen nicht Wohnungen in der Heide bot. Die
Häuser – Vorläufer des sozialen Wohnungsbaus von heute – wurden auch mit königlicher
Genehmigung gebaut und nach dem Tode Schultzes (1755) durch seine Witwe um weitere
Baulichkeiten auf den nach und nach erworbenen Ländereien vermehrt, die man der Frau
“Forst-Räthin” Schultze, geborene Breitenfeldt, gegen “einen proportionierlichen Grundzins in
Erbpacht” übergab.
In zweiter Ehe verband sich die unternehmungslustige Frau mit dem Holzschreiber und späteren
Salzschiffahrtsdirektor Andreas Wiesel, dem es gelang, von “Seiner Königlichen Majestät in
Preußen” die erwähnte Erbverschreibung zu erhalten. In dem jährlich an das Amt Mühlenbeck zu
zahlenden “Canonem” von 60 Talern war auch die “Freiheit des Ruppiner und fremden
Bierausschanks” mit inbegriffen. Dieses Ruppiner Bier muß den Berlinern doch besser als ihr
selbstgebrautes “Stadtbier” geschmeckt haben, denn in den Nachweisungen der “Bier-Consumtion”
stand es mit 25000 Tonnen weitaus an der Spitze der über fünfzig in Berlin zu habenden fremden
Biersorten, von denen das Crossener und das Bernauer mit durchschnittlich 3000 bis 6000 Tonnen
an zweiter und dritter Stelle rangierten.
Das Gut Schulzendorf war bis nach 1800 im Besitz der Familie Wiesel, ging aber dann von einer
Hand in die andere, bis es schließlich der Forstfiskus erwarb und parzellierte. Von den
umfangreichen Baulichkeiten des Guts-
134 hofes kam nur das “Familienhaus II” auf unsere Tage.
Restaurant “Sommerlust”, um 1900
Es trägt die Hausnummern 139/141 der Ruppiner Chaussee und ist ein zehnachsiger Massivbau von
zwei Geschossen unter Krüppelwalmdach. Die aufgeputzte Quaderung der Hausecken und der beiden
Eingänge – im Verein mit den quadratischen Fenstern -läßt an die von dem Landbaumeister David
Gilly entworfenen Häuser denken, doch dürfte es kaum vor 1830 entstanden sein.
Kurz zuvor, 1822, ließ sich hier ein Kolonist Wilhelm Neue nieder, dessen Nachkommen noch heute
unter dem Namen Neye ansässig sind und zugleich mit der 200- Jahr-Feier Schulzendorfs ihr
150jähriges Jubiläum begehen konnten. Die beliebte Gaststätte heißt zwar “Sommerlust”, ist aber
zu allen Jahreszeiten geöffnet, und ihr besonderer Reiz (der auch der benachbarten” Waldklause”
zu eigen ist) besteht darin, daß man seinen Kaffee auf der anderen, unbebauten Seite der
Ruppiner Chaussee im Wald unter alten Bäumen einnehmen kann.
Das haben die Berliner früher sehr gern getan, viel öfter als heute, wo der West-Berliner nicht
nur’ politisch, vielmehr auch geographisch westlich orientiert ist und den Wannsee bevorzugt.
Die “hübschen Talschluchten, Hügel und Waldpartien” von Schulzendorf wurden vor mehr als
hundert Jahren in allen Berliner Reisehandbüchern gerühmt; auch fehlte nicht der Hinweis, daß
der “Koch Jechowsky auf gute Speisen und Getränke hält und selbst dem feinen Publikum zu
empfehlen ist.” Dreißig Jahre
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später bedauerte Straube in seinem bekannten “Wanderbuch für die Mark Brandenburg” , daß der an
prächtigen Laub- und Nadelwaldungen so reiche nördliche Teil der Umgebung Berlins
unbegreiflicherweise von den Ausflüglern wenig besucht wird.
Ursprünglich war Schulzendorf auch ein beliebtes Ziel der Kremserfahrten, und der Verein
Berliner Künstler hat sein Stiftungsfest über Jahrzehnte hinweg alljährlich dort veranstaltet,
meistens ohne die schnöde zu Hause gelassenen und darüber zu Recht empörten Künstlerfrauen.
Der zur Regel gewordene Verlauf des Festes begann damit, daß man am Oranienburger Tor die
Kremser bestieg und mit allen Materialien zur Bereitung der traditionellen Riesenbowle
hinausfuhr, um im Schatten der alten Bäume gegenüber von “Sommerlust” sich zunächst an
Holztischen von enormer Länge zum Kaffee niederzulassen. Nach Erledigung dieses ersten,
wichtigen Programmpunktes begannen die beliebten Spiele im Freien: Ballschlagen, Bocciawerfen,
den sogenannten Nuseltopf drehen oder mit Knüppeln nach einem hoch am Baum befestigten Adler
werfen. Andere zogen es vor, im Tempel der Natur auf dem moosigen Gras einen anderen Tempel aus
bunten Kartenblättern zu errichten.
Während dieser Zeit hatte ein wirklicher Könner aus der Künstlerschar mit aller Kunst, Liebe
und Sorgfalt in einem riesenhaften Gefäß die Bowle gemischt. Einer nach dem anderen trat heran,
um davon zu kosten, und über dem unausgesetzten Kosten steigerte sich die Stimmung immer höher
und höher bis zur Stunde der gemeinsamen Abendtafel, die im Scheine der Windlichter an den
langen Holztischen im Walde eingenommen wurde. Dann wendete man sich wieder der unerschöpflich
scheinenden Bowle zu, so daß es oft genug schwer fiel, die ganze heitere Gesellschaft wieder
vollzählig in die Kremser zu verfrachten und die nächtliche Heimfahrt anzutreten. So mancher
der Schulzendorfer Stiftungsfestler soll sich auf dem Berliner Pflaster wiedergefunden haben,
ohne die ge-
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