Eine der schönstgelegenen Gaststätten Berlins war bis zum Abriß im Herbst 1972 das “Schloß Brüningslinden” auf dem fast zwanzig Meter hohen aussichtsreichen Havelufer in Kladow, das außerdem mit einem nach dem Muster von Walt Disneys Wunderland eingerichteten “Märchenwald” lockte. Rund ein Dutzend lebensgroßer Märchengruppen erfreuten die Kinder, die in einer Miniatureisenbahn zu “Schneewittchen”, “Hänse! und Gretel”, “Aschenputtel”, “Dornröschen” und anderen aus den “Kinder- und Hausmärchen” der Brüder Grimm wohlbekannten Motivgestalten zwischen Ernst und Spiel, Traum und Wirklichkeit lustfahren konnten.
Die Erwachsenen saßen indessen auf der Terrasse von Schloß BrüningsJinden, genossen beim Kaffee oder einem leckeren Mahl die wundervolle Aussicht über die breite Havel bis zur Pfaueninsel und gedachten dabei vielleicht der vielen Märchen und Fabeln, die sich um Brüningslinden und seinen Schöpfer gerankt haben. Das seinerzeit bescheiden “Landsitz” genannte, aber mit Absicht schloßähnlich gestaltete Haus hatte sich 1911/12 ein Mann erbauen lassen, der bei der Wahl der Eltern gut beraten war. Sein Vater, Dr. phil. Adolf Brüning, gehörte zu den Gründern der weltbekannt gewordenen, noch heute florierenden Farbwerke Hoechst AG (vormals Meister, Lucius & Brüning), und die Mutter – Klara Spindler aus Berlin – kam ebenfalls aus begütertem Hause.
Der Chemiker und Großindustrielle Dr. Brüning erhielt im Jahre 1883 zu seinen Millionen den erblichen Adel, der auch dem Sohn nützlich wurde. Der 1875 in Höchst noch bürgerlich auf die Welt gekommene Ernst Rütger Brüning widmete sich 1894 bis 1897 in Heidelberg und Marburg juristischen Studien, machte auch seinen Referendar, beschloß aber dann, aktiver Offizier zu werden. Dazu wählte er das brandenburgische Husarenregiment Nr. 3 von Zieten in Rathenow. Obgleich die Stadt als trauriges Provinznest galt und die Zierenhusaren nicht einmal zur Garde rechneten, war es ein sehr feudales Regiment, dessen Offiziere ausschließlich dem Adel angehörten und eine Zeitlang auch den Schwiegersohn des Kaisers, Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg bei sich sahen. Bekannt waren die “roten Husaren” durch den mit Leidenschaft betriebenen Renn- und Hindernissport, der sie jahrelang das Championat der Herrenreiter aller 103 deutschen Kavallerieregimenter innehaben ließ.
Nachdem der Oberleutnant von Brüning von auswärtigen Kommandos zurückgekehrt war, die ihn 1908/09 an die Botschaft in Tokio und 1909/10 nach Washington geführt hatten, ließ er sich von den Architekten Georg Siewert und Fritz Greppert sein “Brüningslinden” erbauen. Er startete es mit allen möglichen Souvenirs seiner Reisen aus, insbesondere mit Ostasiatika, für die im Obergeschoß ein besonderes Zimmer eingerichtet wurde, das Brüning gern »Museum” nannte. Es ist durch die schwere hölzerne Kassettendecke bis zuletzt kenntlich geblieben. Doch die Kunstschätze sind schon früh in alle Winde verstreut worden.
Ein paar bronzene Tempellaternen standen noch auf den Portalpfeilern. aber die davor ruhenden Löwen waren nach sachverständigem Urteil von einheimischen Steinmetzen gefertigte Kopien. Die Wandvertäfelungen und Deckengemälde in den Gasträumen hielten sich an den Stil Louis’ XIV. und XV.; dem unverheirateten Schloßherrn dienten die Zimmer als Boudoir und Musiksalon.
Hier draußen hat Brüning vorwiegend den Sommer verbracht, im Winter wohnte er in der Hindersinstraße. Ein Tagebuch von seiner Hand gibt Auskunft, daß er auch in der kalten Jahreszeit beinahe täglich nach Kladow hinausfuhr und hier großzügige Gastfreundschaft übte, die den alten Kameraden von den Zietenhusaren oder den Nachbarn – so den Königs und Brandis auf Neu-Kladow oder den Wollanks auf Groß-Glienicke – gewidmet war. Doch nur so lange, wie das vom Vater ererbte Millionenvermögen reichte. Bereits Ende der zwanziger Jahre verließ er Brüningslinden und zog sich auf sein Landgut Brüningsau bei Rosenheim im schönen Bayernland zurück, wo er – der unvermählte, aber keineswegs unbeweibte Major a.D. – noch kurz vor seinem Tode (1935) heiratete. Im gleichen Jahr erwarb Max Gruban, Seniorchef der Berliner Weingroßhandlung Gruban und Souchay, für ein Heidengeld die Brüningsche Besitzung, um mit dem seinerzeit sehr beliebten und vielbesuchten Schloß Marquardt des Weinhauses Kempinski konkurrieren zu können.
Vieles, was von Brüningslinden erzählt wird, ist Fabel. Doch gibt es auch Tatsachen zu berichten wie etwa den Besuch des französischen Ministerpräsidenten Laval und des Außenministers Briand, mit denen der deutsche Reichskanzler Brüning – nomen est omen – und Außenminister Curtius am 28. September 1931 zum Tee in Brüningslinden waren. Nicht etwa, um dort politische Besprechungen zu führen – die fanden in der Wilhelmstraße statt. Die hohen Gäste sollten vielmehr einen Begriff von der schönen Umgebung der Reichshauptstadt bekommen.
Für den einige Tage zuvor nach Berlin versetzten Botschafter Frankreichs, AndreFrancois-Poncet, war dieser Staatsbesuch die erste diplomatische Mission am neuen Platz. Der populäre Mann hat in seinem Buch “Botschafter in Berlin 1931-1938″ ausführlich daran erinnert und berichtet, daß Laval sich darüber wunderte, bei keiner Mahlzeit Sauerkraut zu bekommen. Laval war nämlich der Meinung, Sauerkraut sei ein so typisch deutsches Nationalgericht, daß er es unbedingt kosten müsse. Da er es nun weder in Brüningslinden noch bei den offiziellen Diners in der Reichskanzlei bekam, bestellte er es zu später Abendstunde im Hotel Adlon, zur größten Verlegenheit des Küchenchefs und des Hotelpersonals. Doch es bekam ihm schlecht: “In der Nacht war er, von Verdauungsbeschwerden geplagt, aufgewacht, aufgestanden und Unter den Linden auf- und abgegangen’ – zum Erstaunen der Wachen, die ihm hierbei stets erneut die Ehrenbezeigungen erwiesen.”
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