Wenn man nach ein paar Urlaubswochen an den Strand der Spree zurückgekehrt ist, kann es einem passieren, daß man ein seit Jahrzehnten vertrautes, historisch bedeutsames oder auch nur persönlich interessantes Gebäude nicht mehr vorfindet. Für die Schubraupeist es ja eine Kleinigkeit, ein Haus, an dem man seinerzeit jahrelang baute, innerhalb weniger Tage restlos zu beseitigen.
Mit dem umfangreichen Baukomplex der früheren “Königlichen Conserven-Fabrik” an der Gartenfelder Straße in Haselhorst jedoch hatte man länger zu tun. Die Siemens- Wohnungsgesellschaft brauchte zwei Jahre,. um das Gelände für neue Wohnbauten freizumachen. Das große Fabrikationsgebäude war bald beseitigt, doch die Wache und die Kasernen standen noch bis 1971. Hier waren seit dem Jahre 1892 bis zum Ende des Ersten Weltkrieges während der Herbst- und Wintermonate zum Militär eingezogene Schlächtergesellen damit beschäftigt, alljährlich mehr als 3000 Ochsen zu schlachten und in “Rindfleisch im eigenen Saft” für die preußische Armee zu verarbeiten.
Der heimatverbundene Berliner hängt bekanntermaßen an seiner Stadt und bedauert immer wieder, wenn ein Zeuge des geschichtlichen Werdens aus dem Stadtbild ver-schwindet. Doch glaube ich kaum, daß jemand der Armee-konservenfabrik nachtrauern wird; denn ihre 1889 bis 1893 nach dem Entwurf des Intendantur- und Baurats Max Polack entstandenen Zweckbauten aus Rohziegeln waren wirklich keine Augenweide und von ausgesprochener Nüchternheit, denen jeder ästhetische Reiz fehlte.
Da sah es mit dem alten Haselhorster Gutshaus schon anders aus. Es lag versteckt und nur wenigen bekannt hinter der Konservenfabrik, wo es allmählich verkam und im Sommer 1965 der Spitzhacke verfiel. Obgleich erst um 1815 erbaut, erinnerte es in seinen schlichten, wohlabgewogenen Architekturformen, vor allem durch das hohe Mansardendach, an die märkischen Gutshäuser aus der Zeit des Alten Fritzen. Bei seinem Anblick mußte man unwillkürlich an das von Theodor Fontane besungene “Doppeldachhaus” des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im nahen Havelland denken.
Gebaut war das Haselhorster Haus vom Oberamtmann Grü tzmacher, nachdem er 1812 das domänenfiskalische Vorwerk Plan erworben hatte, das erst 1848 nach einer alten Flurbezeichnung den klangvollen Namen Haselhorst bekam. Der parallel zur Daumstraße verlaufende Grützmachergraben auf dem früheren Plan erinnert noch an den unternehmungslustigen Mann, von dem eine Sage erzählt, er hätte 1760, als die Russen kurzfristig Berlin besetzten, sein Vaterland verraten wollen. Er wurde jedoch abgefaßt und zum Tod durch den Strang verurteilt. Weil es aber bei dem Versuch des Landesverrats geblieben war, begnadigte ihn der Alte Fritz. Doch mußte Grützmacher zur Erinnerung daran, daß er eigentlich dem Galgen verfallen war, bis zu seinem Tode eine seidene Schnur um den Hals tragen.
Als Dank für die Begnadigung schenkte Grützmacher, der auch Generalpächter der Ländereien des Berliner Invalidenhauses war, dem König ein großes Stück Land, auf dem dann eine Kaserne erbaut wurde. Es war die der populären “Maikäfer”, der Gardefüseliere in der Chausseestraße, deren jetzt vom Stadion der Welt jugend eingenommener Exerzierplatz nicht nur im Volke, sondern auch auf amtlichen Karten “der Grützmacher” hieß.
Auf dem Plan gemahnen noch einige Erdhügel- auch der Zickzackverlauf des Grützmachergrabens – an die frühere Befestigungslinie, die hier die 1831 bis 1837 angelegte, natürlich längst verschwundene Pulverfabrik sichern sollte. Und der seltsame Straßenname “Lünette” gedenkt nicht etwa eines schönen Mädchens, vielmehr eines früher an der Stelle der Weihnachtskirche vorhandenen Festungswerks: der 1855 angelegten “Kanallünette”.
Der ingeniöse Graf Rochus zu Lynar, Baumeister der Spandauer Zitadelle, hatte bereits 1578 auf dem Plan eine Pulvermühle errichtet, die mehrmals in die Luft flog, aber immer wieder neu aufgebaut wurde. Als sich die Festungsstadt Spandau nach dem Kriege von 1870/71 zu einem Rüstungszentrum sondergleichen entwickelte, kam mit der Erweiterung der Pulverfabrik auf dem Plan für Haselhorst der Abschied von einer Idylle. Das ganz alten Leuten noch bekannte” Waldschlößchen” jenseits des früheren “Arbeiterparks” und der Gartenfelder Brücke -dort, wo einige uralte Eichen stehen – hat Carl Riesel schon vor über 100 Jahren im “Romantischen Havelland”, dem “zuverlässigen Führer durch alle Partien der Jungfernheide” gerühmt und ihm wegen seiner Lage am Kanal (”namentlich im Winter als Rendezvous der Schlittschuhläufer”) und “ferner durch die Nähe Span-daus (1/2 Stunde) und Berlins (11/2 Stunde)” eine zu guten Erwartungen berechtigende Zukunft bescheinigt.
Die Zukunft von heute bedeutet für Haselhorst, daß die wenigen, noch an der Riensbergstraße, der Stöckel- und Feldzeugmeisterstraße vorhandenen schnuckligen Häus-chen der fiskalischen Arbeiterkolonie langsam aber sicher mehrstöckigen Wohnhäusern Platz machen müssen.
Im Jahre 1892 hatte man die Siedlung begonnen, 1907 war sie mit 51 Häusern fertig gestellt, in deren 362 Woh-nungen gegen 1600 Personen hausten. Auf der Weltaus-stellung 1900 in Paris hatte der Spandauer Zimmermei-ster Bastian im Auftrage der Militärverwaltung ein Musterexemplar dieser Arbeiterhäuser aufgebaut, das auch prompt ausgezeichnet wurde.
Ob man sich nicht dazu entschließen sollte, eins oder zwei dieser Häuser vor dem Abriß zu bewahren, um der Nach-welt davon Kunde zu geben, daß der so oft geschmähte preußische Staat in der Fürsorgepflicht für seine Arbeiter doch besser war, als tendenziöse Geschichtsschreiber zugeben wollen?
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