Wer in der Schule aufgepaßt hat, erinnert sich vielleicht jener Anekdote, die man uns im Heimatkundeunterricht erzählte: die vom Alten Fritz und seiner Kaffeetasse. Einst kamen die Katholiken zum König und baten ihn, er möchte für sie in Berlin eine Kirche bauen. Friedrich 11. saß gerade beim Frühstück, war guter Laune und versprach, die Bitte zu erfüllen. Als man nun darüber debattierte, wie die Kirche aussehen sollte, nahm der Alte Fritz seine Kaffeetasse, stülpte sie um und erklärte: ,So!” Darum also hat der Baumeister der Hedwigskirche eine runde Form gegeben und die einer umgekehrten Tasse ähnelnde Kuppel daraufgesetzt.
So hat sich das Volk von Berlin die ungewöhnliche Form der Kirche erklärt, für die in Wirklichkeit das Pantheon in Rom Vorbild war. Ein Rundtempel, der im Jahre 27 vor Christus allen Göttern geweiht und von Papst Bonifaz IV. Anno 608 zur christlichen Kirche umgestaltet wurde. Von Friedrich dem Großen ist ja bekannt, daß er es liebte, selbst einfache Privatwohnhäuser mit prunkvollen Fassaden italienischer Provenienz zu versehen und mit diesen Ideen nicht nur die beauftragten Baumeister, sondern auch die mit den Palästen beglückten Hausbesitzer in die größte Verlegenheit brachte.
Den König bewegte aber noch ein anderer Gedanke. Gleich dem Pantheon wollte er in Berlin eine Kirche für alle Religionen errichten lassen, die in den Nischen des geplanten Rundbaues ihren Gottesdienst feiern sollten. Friedrich II. gedachte auf diese Weise, seinem zum geflügelten Wort gewordenen Grundsatz der Toleranz – “In meinem Staat kann jeder nach seiner Facon selig werden” – einen für alle Welt sichtbaren Ausdruck zu verleihen.
Das Pantheon in Berlin wurde dem König zwar als undurchführbar ausgeredet, doch die eindrucksvolle Architektur der römischen “Rotonda” ließ ihn nicht mehr los, als es darum ging, der auf fast 10000 Seelen angewachsenen katholischen Gemeinde in der preußischen Hauptstadt endlich eine Andachtsstätte zu schaffen. Die bisher benutzte in einem Hinterhaus der Leipziger Straße glich nach Ansicht des Breslauer Fürstbischofs nämlich “mehr einem Heuboden als einem Tempel.”
In einem am 22. November 1746 signierten Patent wurde erlaubt, daß die “Römisch-Catholischen zu ihrem freyen und ungehinderten Gottes-Dienst eine Kirche so groß als sie solche immer haben wollen oder können ohne einigen Vorbehalt oder Widerreden bauen dürfen.” Der König gedachte, den bislang nach Wien orientierten katholischen schlesischen Adel für den Offiziers dienst in Berlin und Potsdam zu gewinnen, suchte daher selbst den Bauplatz aus, auf dem sich heute die Hedwigskirche erhebt, und gab freies Bauholz für den Pfahlrost auf dem sumpfigen Gelände, einer früheren Bastion, und für die Rüstungen.
Vor 225 Jahren, am 13. Juli 1747, erfolgte die feierliche Grundsteinlegung, die auf Wunsch des Königs mit beträchtlichem Pomp begangen wurde. Friedrich II. wollte mit dem groß aufgezogenen Festakt die katholischen Fürsten Europas von seiner freiheitlichen und toleranten Gesinnung überzeugen, nahm an der Feier aber nicht selbst teil, ließ sich vielmehr durch den Stadtkommandanten Graf von Haacke vertreten.
Die städtebaulich sehr überzeugende Schrägstellung der Kirche am Rande des heutigen Bebelplatzes war durch die Gründung auf den vorhandenen Fundamenten der ehemaligen Bastion
bedingt, geschah aber auch in bewußter Anbindung an das von Friedrich dem Großen schon in seiner Rheinsberger Kronprinzenzeit projektierte “Forum Fridericianum”, mit dem der König seiner Residenzstadt eine repräsentative Platzanlage von künstlerischer Würde geben wollte. Im Verein mit der Universität, der Staatsoper und der Alten Bibliothek bildet die Hedwigskirche heute das “Linden-Forum”, eine großartige Konzentration des alten, historischen Berlins.
Doch bis zur Fertigstellung des von dem Franzosen Jean Legeay entworfenen, von dem Holländer Johann Boumann ausgeführten Kirchenbaues verging fast ein Menschenalter. Trotz reichlich eingegangener Spenden waren die Mittel bald erschöpft, und 1755 verließen die Handwerker den unfertigen Bau. Weil einer der Gläubiger die Geduld verlor, drohte sogar die Gefahr, das halbfertige Gotteshaus in der Zwangsversteigerung zu verlieren. Die Jüdische Gemeinde war lebhaft daran interessiert, den Bau als Synagoge zu vollenden. Schließlich half Rom, und am Allerheiligentag des Jahres 1773 konnten die Portale von St. Hedwig den Gläubigen zum ersten Gottesdienst geöffnet werden.
Die Konsekration hatte der Bischof des Ermlandes, Graf Krasicki, vorgenommen, der beim König in besonderer Gunst stand. Der Alte Fritz hatte ihm bei der Hoftafel gesagt, daß er hoffe, unter seinem Bischofsmantel mit in den Himmel zu kommen. Doch Krasicki antwortete unter Anspielung auf die kurz vorher vom König verordnete Aufhebung seines Fürstbistums: “Eure Majestät haben mir den Mantel derart beschneiden lassen, daß ich keine Kontrebande darunter zu verbergen vermag.”
Nach Abschluß des preußischen Konkordatvertrages 1930 wurde Berlin zum Bistum und seine Bischofskirche zur Kathedrale erhoben. St. Hedwig war fortan Mittelpunkt kirchlicher Veranstaltungen überpfarrlichen Charakters bis zu der Schreckensnacht vom 1. März 1943, die nur rußgeschwärzte Umringsmauern übrigließ. In elf mühevollen Aufbaujahren konnte das friderizianische Gotteshaus bis 1963 äußerlich wieder seine alte Form erhalten, nachdem sich Ost und West zu gemeinsamer Arbeit bereitgefunden hatten.
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