Aus der Chronik des 100jährigen Südende – “Im Dunkeln is jut munkeln”

“Im Dunkeln is jut munkeln” – Aus der Chronik des 100jährigen Südende
Nachdem Berlin nahezu unvorbereitet und fast über Nacht deutsche Reichshauptstadt geworden war, begann die “Gründerjahre” genannte Zeit eines gewaltigen Aufschwunges, der auf dem scheinbar unerschöpflichen Milliardensegen der französischen Kriegsentschädigung beruhte. Das schon in den vierziger Jahren aufgekommene, damals spöttisch gemeinte Schlagwort “Berlin wird Weltstadt” bekam jetzt wirkliche Bedeutung. Die wirtschaflliehen Möglichkeiten schienen unerrneßlich und führten zu einem ungeheuren Zustrom von Menschen.
Während die große Zahl der mittel- und obdachlosen Zuzügler wohl oder übel auf brachliegenden Ackern vor dem Kottbusser, Frankfurter und Landsberger Tor in jammervollen Bretterbuden’ kampieren mußte, stieß die allzeit wache Bauspekulation weit nach draußen vor und gründete außerhalb des Berliner Weichbildes in allen Himmelsrichtungen ihre für den finanziell gutgestellten Mittelstand berechneten, nach der Windrose benannten Landhauskolonien. Nordend ist mittlerweile in Niederschönhausen aufgegangen, und Ostend wurde zu Oberschöneweide. Doch das bereits 1878 in Charlottenburg eingemeindete Westend ist ein Begriff geblieben. In erster Linie wohl durch den gleichnamigen Bahnhof, der auch Südende vor dem Vergessenwerden bewahrt hat. Dieser Steglitzer Ortsteil konnte 1972 auf sein 100jähriges Bestehen zurückblicken.
Doch ging das Jubiläum ohne öffentliches Gedenken vorüber, weil das Bezirksamt offiziell keinen Ortsteil Südende mehr kennt und die Pflege der Namenstradition der Bahn und der Kirche überlassen hat. Dabei ist die “OrtsBenennung” sogar amtlich verkündet worden, und zwar am 19. Juli 1873 durch die Regierung zu Potsdam, als auf dem “am Kreuzungspunkte der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn und des Communicationsweges von Steglitz
180 nach Mariendorf belegenen, zur Anlage einer Landhäu-
ser-Colonie bestimmten Bau-Terrain” schon fünf Häuser errichtet und auch bewohnt waren.
In Kapps “Berlin für Fremde und Einheimische” vom gleichen Jahr heißt es: “Südende ist eine durch seine angenehme Lage an Seen, guten Boden und hübsche Anlagen bevorzugte Colonie, schon gesucht und eine sehr nahe Zukunft voraussagend. Gas- und Wasserwerke werden bereits in Angriff genommen, auch laden ein großes Restaurant, sowie Park, Aussichtsturm etc. zum Besuch ein.” Der sonst die Schönheiten der Berliner Landschaft überschwenglich preisende, aus Nassau zugezogene Klavierlehrer Hennes jedoch schrieb 1879 in seinen “Hundert Nachmittags-Ausflügen” vom Villenterrain Südende:
“Hier ist der Aussichtsturm das wichtigste, denn alles andere wird wohl noch viele Jahre zu seiner Belebung brauchen.”
Ein Jahr zuvor war nämlich die Aktien-Gesellschaft Südende liquidiert worden; die durch den “Gründerkrach” von 1873 ausgelöste Wirtschaftskrise hatte auch sie erreicht. Nicht weniger als 800000 Taler hatte die Zentralbank für Bauten 1872 in das Unternehmen gesteckt, für den zehnten Teil dieser Summe mußte sie es 1878 einem Dr. Wetzel überlassen.
Das etwa neunzig Hektar große hügelige Gelände am Südhang der “in sanft geschwungenen Linien zu mäßiger Höhe aufsteigenden Rauhen Berge” war durch ein Netz von Straßen erschlossen worden, die man alle gleich gepflastert und mit Alleebäumen geschmückt hatte. Obwohl die Anhalter Bahn sozusagen an der Tür vorüberfuhr, hielt sie nicht in Südende. Das geschah erst vom Jahre 1881 an.
Die AG Südende ließ deshalb einen Omnibus nach Schöneberg verkehren, dafür 1873 auch den Priesterweg pflastern und mit Kastanien säumen. Von diesen haben kaum mehr als zwei Dutzend altersschwach gewordene
Bäume überlebt, aber das halsbrecherische 100jährige Bon- 181
bonpflaster liegt noch heute, auch in den Nebenstraßen Südendes.
Die Straßennamen erinnern nach mehrfacher Umtaufe jetzt zumeist an Steglitzer Lokalgrößen, nur zwei gedenken der Tatsache, daß Südende bis 1920 zu Mariendorf gehörte und seine Bewohner dem Gemeindevorsteher Oehlert und Amtsvorsteher Denk unterstanden. Daß sie es nicht immer ohne Widerspruch taten, geht aus einer Stellungnahme des umsichtigen Landrats von Stubenrauch hervor, der 1904 anläßlich des Streits um den Bau einer Turnhalle dem Gemeindevorsteher klarrnachre, “daß derjenige Teil von Mariendorf, der sich Südende nennt, ein gut Teil Intelligenz und Rührigkeit birgt und namentlich durch das stetige Wachsen seiner Steuerkraft sich zu einem Faktor heranbilden wird, mit dem eine weitsichtige Gemeindeverwal tung frühzeitig rechnen soli te”.
Unter den ersten fünf Häusern Südendes (von denen keines mehr steht) hatte sich bereits ein Restaurant befunden, das hochgelegene, aussichtsreiche “Bergschlößchen ” am Oehlertring, dem rasch ein halbes Dutzend weiterer Gartenlokale folgte. Sie hörten auf so klangvolle Namen wie “Zum Paradiesgarten” oder “Zur schönen Esche”.
Doch kamen sie alle nicht gegen das Parkrestaurant Südende an, das der “Touristen-Club für die Mark Brandenburg” schon vor mehr als 75 Jahren empfahl: “Mit seinen kleinen Seen, seinen Wasserläufen, welche allerorts zierliche Brücken überspannen (Badeanstalt), mit dem schönen Park und seinem im altdeutschen Stile eingerichteten Saal macht dieses Restaurant einen vornehmen und sehr einladenden Eindruck. “
Seine Glanzzeit hatte das “Paresü” ‘in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, als es sich mit dem zehn Morgen großen, gepflegten Naturpark wohl zu Recht
182 “das schönste Gartenrestaurant Groß-Berlins” nannte.
Villa in Südende. 1872. Nach einem ölbild von Albert Schwendy (Sammlung Herbett Klewer, Berlin)
Damals konnte man auf den weitverzweigten Teichen (an deren Stelle sich seit 1971 ein 16geschossiges Appartementhaus für die Pflegekräfte des Steglitzer Klinikums erhebt) noch im Ruderboot fahren und abends auf der Gartenterrasse tanzen, um schließlich in irgend einem stillen Parkwinkel der alten Berliner Devise zu huldigen:
“Im Dunkeln is jut munkeln!”
183

Nachdem Berlin nahezu unvorbereitet und fast über Nacht deutsche Reichshauptstadt geworden war, begann die “Gründerjahre” genannte Zeit eines gewaltigen Aufschwunges, der auf dem scheinbar unerschöpflichen Milliardensegen der französischen Kriegsentschädigung beruhte. Das schon in den vierziger Jahren aufgekommene, damals spöttisch gemeinte Schlagwort “Berlin wird Weltstadt” bekam jetzt wirkliche Bedeutung. Die wirtschaflliehen Möglichkeiten schienen unerrneßlich und führten zu einem ungeheuren Zustrom von Menschen.

Während die große Zahl der mittel- und obdachlosen Zuzügler wohl oder übel auf brachliegenden Ackern vor dem Kottbusser, Frankfurter und Landsberger Tor in jammervollen Bretterbuden’ kampieren mußte, stieß die allzeit wache Bauspekulation weit nach draußen vor und gründete außerhalb des Berliner Weichbildes in allen Himmelsrichtungen ihre für den finanziell gutgestellten Mittelstand berechneten, nach der Windrose benannten Landhauskolonien. Nordend ist mittlerweile in Niederschönhausen aufgegangen, und Ostend wurde zu Oberschöneweide. Doch das bereits 1878 in Charlottenburg eingemeindete Westend ist ein Begriff geblieben. In erster Linie wohl durch den gleichnamigen Bahnhof, der auch Südende vor dem Vergessenwerden bewahrt hat. Dieser Steglitzer Ortsteil konnte 1972 auf sein 100jähriges Bestehen zurückblicken.

Doch ging das Jubiläum ohne öffentliches Gedenken vorüber, weil das Bezirksamt offiziell keinen Ortsteil Südende mehr kennt und die Pflege der Namenstradition der Bahn und der Kirche überlassen hat. Dabei ist die “OrtsBenennung” sogar amtlich verkündet worden, und zwar am 19. Juli 1873 durch die Regierung zu Potsdam, als auf dem “am Kreuzungspunkte der Berlin-Anhaltischen Eisenbahn und des Communicationsweges von Steglitz nach Mariendorf belegenen, zur Anlage einer Landhäuser-Colonie bestimmten Bau-Terrain” schon fünf Häuser errichtet und auch bewohnt waren.

In Kapps “Berlin für Fremde und Einheimische” vom gleichen Jahr heißt es: “Südende ist eine durch seine angenehme Lage an Seen, guten Boden und hübsche Anlagen bevorzugte Colonie, schon gesucht und eine sehr nahe Zukunft voraussagend. Gas- und Wasserwerke werden bereits in Angriff genommen, auch laden ein großes Restaurant, sowie Park, Aussichtsturm etc. zum Besuch ein.” Der sonst die Schönheiten der Berliner Landschaft überschwenglich preisende, aus Nassau zugezogene Klavierlehrer Hennes jedoch schrieb 1879 in seinen “Hundert Nachmittags-Ausflügen” vom Villenterrain Südende:

“Hier ist der Aussichtsturm das wichtigste, denn alles andere wird wohl noch viele Jahre zu seiner Belebung brauchen.”

Ein Jahr zuvor war nämlich die Aktien-Gesellschaft Südende liquidiert worden; die durch den “Gründerkrach” von 1873 ausgelöste Wirtschaftskrise hatte auch sie erreicht. Nicht weniger als 800000 Taler hatte die Zentralbank für Bauten 1872 in das Unternehmen gesteckt, für den zehnten Teil dieser Summe mußte sie es 1878 einem Dr. Wetzel überlassen.

Das etwa neunzig Hektar große hügelige Gelände am Südhang der “in sanft geschwungenen Linien zu mäßiger Höhe aufsteigenden Rauhen Berge” war durch ein Netz von Straßen erschlossen worden, die man alle gleich gepflastert und mit Alleebäumen geschmückt hatte. Obwohl die Anhalter Bahn sozusagen an der Tür vorüberfuhr, hielt sie nicht in Südende. Das geschah erst vom Jahre 1881 an.

Die AG Südende ließ deshalb einen Omnibus nach Schöneberg verkehren, dafür 1873 auch den Priesterweg pflastern und mit Kastanien säumen. Von diesen haben kaum mehr als zwei Dutzend altersschwach gewordene Bäume überlebt, aber das halsbrecherische 100jährige Bonbonpflaster liegt noch heute, auch in den Nebenstraßen Südendes.

Die Straßennamen erinnern nach mehrfacher Umtaufe jetzt zumeist an Steglitzer Lokalgrößen, nur zwei gedenken der Tatsache, daß Südende bis 1920 zu Mariendorf gehörte und seine Bewohner dem Gemeindevorsteher Oehlert und Amtsvorsteher Denk unterstanden. Daß sie es nicht immer ohne Widerspruch taten, geht aus einer Stellungnahme des umsichtigen Landrats von Stubenrauch hervor, der 1904 anläßlich des Streits um den Bau einer Turnhalle dem Gemeindevorsteher klarrnachre, “daß derjenige Teil von Mariendorf, der sich Südende nennt, ein gut Teil Intelligenz und Rührigkeit birgt und namentlich durch das stetige Wachsen seiner Steuerkraft sich zu einem Faktor heranbilden wird, mit dem eine weitsichtige Gemeindeverwal tung frühzeitig rechnen soli te”.

Unter den ersten fünf Häusern Südendes (von denen keines mehr steht) hatte sich bereits ein Restaurant befunden, das hochgelegene, aussichtsreiche “Bergschlößchen ” am Oehlertring, dem rasch ein halbes Dutzend weiterer Gartenlokale folgte. Sie hörten auf so klangvolle Namen wie “Zum Paradiesgarten” oder “Zur schönen Esche”.

Doch kamen sie alle nicht gegen das Parkrestaurant Südende an, das der “Touristen-Club für die Mark Brandenburg” schon vor mehr als 75 Jahren empfahl: “Mit seinen kleinen Seen, seinen Wasserläufen, welche allerorts zierliche Brücken überspannen (Badeanstalt), mit dem schönen Park und seinem im altdeutschen Stile eingerichteten Saal macht dieses Restaurant einen vornehmen und sehr einladenden Eindruck. ”

Seine Glanzzeit hatte das “Paresü” ‘in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen, als es sich mit dem zehn Morgen großen, gepflegten Naturpark wohl zu Recht ”das schönste Gartenrestaurant Groß-Berlins” nannte.

Damals konnte man auf den weitverzweigten Teichen (an deren Stelle sich seit 1971 ein 16geschossiges Appartementhaus für die Pflegekräfte des Steglitzer Klinikums erhebt) noch im Ruderboot fahren und abends auf der Gartenterrasse tanzen, um schließlich in irgend einem stillen Parkwinkel der alten Berliner Devise zu huldigen:

“Im Dunkeln is jut munkeln!”



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