Dass es bereits vor über 700 Jahren jüdische Mitbürger an Spree und Havel gab, haben die 1955-57 bei Instandsetzungsarbeiten im alten Gemäuer der Spandauer Zitadelle gefundenen, hebräisch beschrifteten Grabsteine erwiesen. Die Jüdische Gemeinde zu Berlin führt ihren offiziellen Gründungstag jedoch nur bis zum 10. September 1671 zurück, als der Große Kurfürst fünfzig aus Wien vertriebenen jüdischen Familien das Privileg erteilte, sich in Berlin niederzulassen.
Anläßlich der 300- Jahr-Feier veranstaltete das BerlinMuseum unter dem Titel “Leistung und Schicksal” eine Gedenkausstellung, die dank ihres instruktiven und reich bebilderten Kataloges über den Tag hinaus fortleben wird. Er dokumentiert durch eine Fülle von Namen berühmter Juden, daß diese geistig und wirtschaftlich wesentlich dazu beitrugen, Berlin zum kulturellen Zentrum Deutschlands zu entwickeln. Einer der klangvollsten Namen ist mit der Familie Mendelssohn verbunden, die seit den Tagen Friedrichs des Großen in Berlin ansässig ist und deren Nachfahren noch heute unter uns leben.
Einer dieser Mendelssohn beklagte sich darüber, daß er wohl der Sohn eines berühmten Vaters und der Vater eines berühmten Sohnes sei, doch von ihm spreche niemand. Es war der Bankier Abraham Mendelssohn, gemeinsam mit seinem Bruder Joseph führte er das sehr angesehene Bankhaus Mendelssohn & Co. in der Jägerstraße. Sein Vater war nämlich der Philosoph Moses Mendelssohn, dem Lessing mit seinem “Nathan der Weise” ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat, und der Sohn, Felix Mendelssohn-Bartholdy, eroberte sich mit seinen Kompositionen die Welt. Selbst jene, die kein Wort Deutsch verstehen, kennen die Melodien seiner Lieder, des “Leise zieht durch mein Gemüt liebliches Geläute”, des “Wer hat dich, du schöner Wald … ” oder des “O Täler weit, O Höhen … “.
Die Mendelssohns haben nicht nur dem kulturellen Berlin entscheidendes Gepräge verliehen, sie haben auch das äußerliche Bild der Stadt mitgestaltet; wenn es auch heute nur noch in Resten spürbar ist und sich eigentlich nur dem Kundigen offenbart.
So umschloß bis 1974 in der Koenigsallee beiderseits der Gedenkstätte für den 1922 hier auf offener Straße ermordeten Reichsaußenminister Walther Rathenau auch ein bedeutender Kopf der Jüdischen Gemeinde, dessen Vater Emil die AEG gründete – die Herthastraße entlang bis zur Bismarckallee ein rund 550 Meter langer schmiedeeiserner Zaun den früheren Besitz der Brüder Franz und Robert VQn Mendelssohn, die als Urenkel von Joseph Mendelssohn (und Großneffen des Komponisten) vor und nach dem Ersten Weltkrieg dem Bankhaus vorstanden. Von der Villa Roberts ist nach dem Bombenkrieg nur das vielbestaunte Prachtportal an der Ecke Hertha- und Lynarstraße übriggeblieben, doch der feudale Landsitz seines Bruders, der auch Präsident der Industrie- und Handelskammer war, ist aus einer kläglichen Ruine glanzvoll wiedererstanden.
“St. Michaels-Heim. Evangel.- johannisehe Kirche. Stiftung Johannisches Aufbauwerk” heißt es am Portal, Bismarckallee 23, und dahinter liegt breit und imponierend mit sandsteinerner Front der Palast, den sich Franz von Mendelssohn kurz vor der Jahrhundertwende von dem Hofarchitekten Kaiser Wilhelms II., Ernst von Ihne, hatte bauen lassen. Während dieser Baumeister bei seinen öffentlichen Gebäuden – der Staatsbibliothek. dem Marstall und dem Kaiser-Friedrich-Museum – dem italienischen Barock huldigte, gab er dem Mendelssohnschen Haus auf Wunsch des Bauherrn den Charakter eines englischen Landschlosses und unterstrich diesen durch viele der für Großbritannien typischen Schornsteine. Davon ist heute nichts mehr zu sehen, nachdem Oberbaurat Hans Georg Heinrich die im Kriege zerstörte Dachzone 1964 bis 1967 mit einer geistvoll komponierten Giebelkette besetzte, die zwei gleichhohe, aber von einander unabhängige Etagen umfaßt.
Äußerlich unverändert sind jedoch noch das dem Horse-shoe-Cloister in Windsor ähnelnde Portierhaus, Hertha-straße 5, mit pittoresken Fachwerkgiebeln über Unter-geschossen aus roten Backsteinen, und das gleichermaßen gestaltete einstige Stall- und Remisengebäude auf der anderen Straßenseite (Herthastraße 8). Hier hatte einmal der Tierpräparator Kriegerowski mit unzähligen ausgestopften Tieren aus aller Welt eine Art zoologisches Museum aufgebaut. Das stimmungsvolle Gebäude wurde nun unter Wahrung seines Kuß eren mit Appartements versehen.
Modern ist auch das Innere des St. Michaels-Heims ge-staltet, in dem kaum mehr als die aufwandvolle Halle an die Ihnesche Konzeption erinnert. Ein großes Olbild gedenkt des Stifters der “Evangelisch- Johannischen Kirche nach der Offenbarung St, Johannis”, Joseph Weißenberg.
Das Grunewald-Grundstück war den Mendelssohn 1938 enteignet worden; 1957 verkauften die jetzt in Bayern und Amerika wohnenden Nachkommen Franz von Men-delssohns den 23 000 Quadratmeter großen Besitz am Herthasee zu dem günstigen Preis von 332 500 Mark an das Johannisehe Aufbauwerk, das hier – vom Zahlenlotto durch Geldspenden, von den Gemeindemitgliedern durch unentgeltliche Arbeit gefördert – ein Wohnheim mit 200 Plätzen für westdeutsche Arbeitnehmer und das kirchliche Zentrum der Johannischen Kirche einrichtete.
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