Potsdamer Hofmaurermeister baute die Sowjet-Villa am Wannsee
Das Vier-Mächte-Abkommen hat der Berliner Bevölkerung die Aussicht auf eine krisenfreie Entwicklung gebracht, dazu eine Reihe von längst fälligen
Erleichterungen im Reise- und Besucherverkehr. Der Sowjetunion wurde zugestanden, in West-Berlin ein Generalkonsulat zu etablieren. Aber nicht in dem
ihr seit 1927 gehörenden, 1973 abgerissenen Haus Lietzenburger Straße 86, dessen Verschwinden wohl nur die dort hausenden verwilderten Tauben
bedauerten.
Das sowjetische Generalkonsulat wurde vielmehr am Reichensteiner Weg in Dahlem untergebracht, und der Generalkonsul residiert in einer Villa in der
Amselstraße. Die Sowjetunion gab dafür ihr Haus in der Lietzenburger Straße und ihren Grundbesitz an den Gestaden des Großen Wannsees auf, von dem
die meisten unter uns bislang nichts wußten.
So ungewöhnlich ist es aber nicht, denn die USA hatten vor zwanzig Jahren ebenfalls ein 12000 Quadratmeter großes Gelände in der Herthastraße 23 Ecke
Hubertusallee gekauft, es jedoch nicht ausschließlich den hier am Hubertussee hin und wieder kampierenden Pfadfindern überlassen, sondern es 1972 dem
Land Berlin für gutes Geld abgetreten. Das projektierte Altenzentrum läßt allerdings auf sich warten.
Das der UdSSR gehörende Grundstück Am Sandwerder 1 in Wannsee liegt zwischen der Dampferanlegestelle der Stern- und Kreisschiffahrt und der
Wasserwachtstation des Deutschen Roten Kreuzes (Am Sandwerder 3). Der beiden Grundstücken gemeinsame Zaun mit “unsichtbaren” Maschen zwischen
Eisenpfosten, die antiken Bacchantenstäben nachgebildet sind, läßt den aufmerksamen Betrachter an die genauso gestaltete Umwehrung des Schlosses
Kleinglienicke denken. Und wenn man dann in den verwilderten Garten schaut und dort ein bewohntes Bauwerk des Spätklassizismus sieht
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mit einem Loggienturm, der dem Glienicker sehr ähnelt -, so weiß man Bescheid.
Der Potsdamer Hofmaurermeister Petzholtz, von dem auch die Loggia Alexandra auf dem Böttcherberg stammt, hat beide Grundstücke (Am Sandwerder 1 und
3) 1875 für zwei Leute bebaut, die sich zwar jeden Tag im Geschäft sahen, privat aber auch beieinander sein wollten. Es waren die Herren Ernst Wild
und Wilhelm Wessei, deren Lampenfabrik in der Prinzenstraße das führende Unternehmen des Berliner Petroleum-Zeitalters war.
Das Wildsche Haus ist im großen und ganzen noch so, wie es vor über 100 Jahren aufgeführt wurde, doch das von Wessei bewohnte hat der neue Eigentümer
1911 grundlegend umgebaut; zuletzt geschah das noch durch das Rote Kreuz, das es 1961 von dem Schauspieler Paul Verhoeven erwarb.
Villa Am Sandwerder 1,1972
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Die Straße “Am Sandwerder” hieß bis 1933 FriedrichKarl-Straße, was seine Berechtigung hatte; denn der Neffe Kaiser Wilhelms I. war Besitzer des Gutes
Düppel, dessen Gemarkung nicht nur die Gebiete der Zehlendorfer Ortsteile Schlachtensees und Nikolassee umfaßte, vielmehr bis an die Ostufer des
Kleinen und Großen Wannsees reichte. Erst 1898 wurde das Gelände von Wannsee eingemeindet. Auf Betreiben des preußischen Prinzen hatte man 1869 bis
1874 die Wannseebahn mit ihrem von Zehlendorf zum Schlachtensee führenden Schlenker angelegt. Durch noch völlig unbesiedeltes Wald- und Ackerland.
Doch “man wollte nicht nur einige der schönsten Gegenden in der näheren Umgebung Berlins dem großen Publikum zugänglich machen, sondern hoffte auch,
die Gründung von Sommerfrischen und ländlichen Aufenthaltsorten für den wohlhabenderen Teil der Berliner Bevölkerung zu unterstützen”.
Das gelang dann auch, und die nach der Reichsgründung ob des starken Zuzugs in Berlin herrschende Wohnungsnot tat dazu ihr übriges. Die damals noch
in Privathand befindliche “Berlin-Potsdam-Magdeburger EisenbahnGesellschaft” veräußerte die entbehrlichen Parzellen an die Herren Wild und WesseI.
Kurioserweise Interessierte sich die Deutsche Reichsbahn 1940 für das Wildsche Haus, das damals bereits 25 Jahre lang im Besitz des Kommerzienrats
Dr. h. c. Julius Gebauer war, dem die Maschinenbauanstalt und Textilveredlungsfabrik Fr. Gebauer in der Franklinstraße gehörte.
Von Gebauer hat das” Volkskommissariat für den Außenhandel der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR)” das 8300 Quadratmeter große, 65
Meter breite und 130 Meter tiefe Grundstück 1945 für zwei Millionen Reichsmark erworben, aber nie davon Gebrauch gemacht. Mietweise waren von 1950 an
die Wohn- und Studienheime des Sozialen Jugendwerks Berlin und – 1956 bis 1963 – des Hauses der Zukunft untergebracht, denen aber die Räume der als
Einfamilienhaus konzipierten Villa auf
202 die Dauer nicht genügten.
Seitdem bewohnen es einige Privatleute, die zwar in den selbst im Hochsommer wegen des ständigen Seewindes kühlen, im Winter eiskalten Zimmern
weidlich bibbern, jedoch die Pracht des an schönen alten Bäumen reichen Gartens und die herrliche Wasserfront zu schätzen wissen. Da die Sowjetunion
den Besitz dem Land Berlin übergab, brauchen sie ihr Tuskulum vorerst nicht zu räumen.
Auch der 1959 festgesetzte Bebauungsplan, in dem das Gelände als öffentliche Grünfläche ausgewiesen ist, konnte lange nicht realisiert werden, weil
die US-Mission ihre Genehmigung zur Inanspruchnahme des Grundstücks versagte. Jetzt soll bis 1978 der längst fällige Zugang zur Anlegestelle der
Haveldampfer verwirklicht werden, und die Teltowkanal AG will hier ein Gaststättenund Verwaltungsgebäude errichten.
Auf dem Grundstück steht – von der Straße aus deutlich sichtbar – eine aufwendige Terrassenanlage aus Sandstein mit überlebensgroßer marmorner
Borussia, die ich als ein überbleibsel der Berliner Gewerbeausstellung von 1879 identifizieren konnte. Damals war sie in Moabit ein Schaustück im
Ausstellungspavillon der “Königlichen Hof-Steinmetz-Meister Paul Wimmel & Co.” Ein Wangenstein von der Terrassenbrüstung liegt gleich einer barocken
Grabplatte im Gras, doch sind die eingemeißelte Hausmarke und die Jahreszahl 1776 nur Signum und Gründungsjahr der damals von Johann Heinrich Wimmel
in Berlin ins Leben gerufenen, noch existierenden Steinbruch- und Steinmetzbetriebe Zeidler & Wimmel, die ihre 200-Jahr-Feier gebührend mit einer
opulenten Festschrift für die Nachwelt festhielt.
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Das Vier-Mächte-Abkommen hat der Berliner Bevölkerung die Aussicht auf eine krisenfreie Entwicklung gebracht, dazu eine Reihe von längst fälligen Erleichterungen im Reise- und Besucherverkehr. Der Sowjetunion wurde zugestanden, in West-Berlin ein Generalkonsulat zu etablieren. Aber nicht in dem ihr seit 1927 gehörenden, 1973 abgerissenen Haus Lietzenburger Straße 86, dessen Verschwinden wohl nur die dort hausenden verwilderten Tauben bedauerten.
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