1000 Taler für zwanzig Morgen Kuschelheide

Zwanzig Morgen Kuschelheide für 1000 Taler
Von den zwölf Bezirken West-Berlins ist Reinickendorf nicht nur der an Fläche größte, sondern auch der mannigfaltigste. Wälder und Seeufer, ländliche Ortsteile mit prachtvollen Dorfauen, großstädtische Zentren und Industriebetriebe; alles, was Stadt und Dorf kennzeichnen und auszeichnen, formt das abwechslungsreiche Bild des “grünen Nordens”.
Tegel und der Tegeler See sind laut Baedeker der besuchenswerteste Teil des Bezirks Reinickendorf. Mit dieser Feststellung befindet sich das weltweit bekannte Reisehandbuch in bester Gesellschaft. Denn schon 1790 schrieb Wilhelm von Humboldt an seine Braut Caroline von Dachroeden: “Die Gegend hat in der Tat etwas Romantisches, und für eine hiesige ist sie überschön. ” Auch Gottfried Keller fühlte sich während seines Berliner Aufenthaltes in den 1850er Jahren so zu dem “nordischen Geistersee” hingezogen, daß er ihn in einem seiner schönsten Gedichte verherrlichte:
“Fühlst nach der Heimat du das Weh, o Fremdling, dich durchschauern, Fahr’ auf dem nord’schen Geistersee, Hier ist es schön zu trauern.”
über Tegel, das bereits Julius Stindes “Wilhelmine Buchholz” aus der Landsberger Straße als Sommerfrische wählte, ist die weitere Umgebung vernachlässigt worden. So das früher im Zwickel der großen Bahnlinien und damit abseits liegende, sagenumwobene Heiligensee. Besser wurde es in dieser Beziehung, als man 1913 die gemeindeeigene elektrische Straßenbahn eröffnete. Alle 30 Minuten fuhr die “rote Linie” von Tegel nach Heiligensee, und die “Grüne” lief bis nach Tegelort, am Südende der fast sieben Kilometer langen Heiligenseer Gemarkung. Seit 1958
184 bringt uns der Autobus dorthin.
Die ungewöhnliche Ausdehnung der Feldmark findet in den schlechten Bodenverhältnissen ihre Erklärung. Am Elchdamm gibt es ja noch heute die unübersehbaren Dünenzüge der Baumberge, beinahe ein Stück Sahara auf märkischem Boden.
Dieser karge Sandboden, der trotz intensiver landwirtschafHicher Betätigung kaum einen bescheidenen Gewinn erbrachte, fand jedoch das Interesse wagemutiger Siedler aus Berlin. Sehr zur Freude der Heiligenseer Bauern und Kossäten verwandelte sich der “märkische Schnee” in erwünschtes Gold.
Der erste Kolonisator des “Hinterfeldes” war ein Kupferschmied Theodor Rohmann, der 1865 von dem Bauern Lemcke zwanzig Morgen Kuschelheide für 1000 Taler erwarb, ein Haus erbaute und seine anfänglich hier noch betriebene Kupferschmiede in eine Gastwirtschaft umwandelte. Sie besteht noch zwischen Havelufer und Steinadlerpfad: das unter dem Namen “Feengrotte” bekannte Ausflugslokal, als Keimzelle von Konradshöhe, wie Rohmann die Siedlung nach seinem ältesten Sohn Konrad taufte. Eine selbstgeschaffene Rohmannstraße wurde bald in Falkenhorststraße umbenannt. Man hatte nicht vergessen können, daß der alte Rohmann von jedem Ausflügler, der den durch seinen Lokalgarten führenden Uferweg passierte, einen Wegezoll in Gestalt eines Glases Bier forderte.
Hatte Rohmann 1865 den Morgen Land noch für 150 Mark bekommen, so mußte der Färber Karl Berger aus der Krausenstraße schon 780 Mark zahlen, als er sieben Jahre später, 1872, von der “verehelichten Kossät Christiane Caroline Grieft, geb. Bergemann, zu Heiligensee” einen Morgen Land im Hinterfeld kaufte, um dort Wohnhaus und Stall zu erbauen.
Als Berger im Frühjahr 1873 um die baupolizeiliche Genehmigung einkam, erkannte der zuständige Domänenrat in Spandau mit dem Scharfblick des leidgeprüften Verwaltungsbeamten, daß sich aus diesem Haus eine “neue
185
Ansiedlung” entwickeln würde. Doch sein ablehnender Standpunkt und der Hinweis auf die im Ansiedlungsgesetz von 1845 festgelegten Bedingungen kamen zu spät, weil Berger bereits im Sommer 1872 “schwarz” gebaut hatte, und das Haus längst fertig und bezogen war, als er sein Baugesuch einreichte.
Tatsächlich ist dann aus dem Bergersehen Haus – dem ersten und ältesten in Tegelort – eine Villensiedlung von ein paar hundert Häusern mit einem Dutzend Gaststätten geworden. Die größte von diesen, der “Seegarten ” in der Scharfenberger Straße 26, hat sich im Laufe von hundert Jahren aus dem bescheidenen Häuschen des einstigen Färbers und späteren Schankwirts Berger zu seiner jetzigen Ausdehnung auf 2500 Garten- und 550 Saalplätze entwickelt.
Doch das alte Haus von 1872 steht noch immer, links vom Eingangsbau, der 1876 errichtet wurde; 1906 hat man es aufgestockt. Verhältnismäßig früh, 1889, baute Berger den noch vorhandenen Saal. Um die Baukosten aufzubringen, zweigte er von seinem auf über 15000 Quadratmeter angewachsenen Grundstück die Parzelle Scharfenberger Straße 27-28 ab und verkaufte sie an einen Steuererheber Kayser aus Berlin, der neben dem merkwürdigerweise auf rhombischem Grundriß aufgeführten Wohnhaus ein Wirtschaftsgebäude mit sogenannten »Angelstuben ” anlegte, in denen Kleinwohnungen mit Stube und Küche den leidenschaftlichen Petrijüngern für’s Wochenende zur Verfügung, standen.
Geangelt wird am Tegeler See bereits seit einigen hundert Jahren. Wenn auch die Feststellung des Predigers Schlüter aus Dalldorf (dem heutigen Wittenau) von 1714 “Der See ist sehr fischreich. Fische und Krebse sind sehr schmackhaft. Es werden gefangen große Hechte, schöne Zander, treffliche Barsche, Schleie, Brassen oder Bleie, auch zuweilen ungemeine Karpfen” – nicht mehr in allen Teilen zutrifft, so ist der See noch immer das Dorado der Berliner “Posenkieker” , oder wie sie sich sonst noch
186 in ihren Vereinigungen nennen.
Das Bergersehe Lokal- um 1890 ging es in andere Hände über – hieß lange “Restaurant Tegelort”; eben, weil es das erste und älteste des bereits auf Karten aus der Zeit Friedrichs des Großen verzeichneten “Tegelschen Orts” war. In den zwanziger Jahren, als mittlerweile Wand an Wand insgesamt sechs Gartenlokale das schöne Seeufer gegenüber der Insel Scharfenberg erobert hatten, karn dann der Name “Seegarten” auf, und das “Heideschlößchen « wurde zu den “Seeterrassen « aufgewertet.
Einige von ihnen haben inzwischen ihre Pforten geschlossen und dem Trend der Zeit folgend, die 150 bis 200 Meter tiefen Ufergrundstücke durch moderne Wohnungsbauten rentabler nutzen lassen, als die kurze, an Risiken jeder Art und schlechtem Wetter reiche Saison den Lokalbesitzern bisher gestattete. Der “Seegarten ” jedoch wird zur Freude seiner im Sommer und Winter regelmäßig wiederkehrenden (und immer den gleichen Tisch und sogar denselben Stuhl verlangenden) Stammgäste ins zweite Jahrhundert gehen und die arg gefährdete Tradition der Berliner Ausflugsrestaurants weiterhin pflegen und bewahren.
“Restaurant Tegelort”, um 1910
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Von den zwölf Bezirken West-Berlins ist Reinickendorf nicht nur der an Fläche größte, sondern auch der mannigfaltigste. Wälder und Seeufer, ländliche Ortsteile mit prachtvollen Dorfauen, großstädtische Zentren und Industriebetriebe; alles, was Stadt und Dorf kennzeichnen und auszeichnen, formt das abwechslungsreiche Bild des “grünen Nordens”.

Tegel und der Tegeler See sind laut Baedeker der besuchenswerteste Teil des Bezirks Reinickendorf. Mit dieser Feststellung befindet sich das weltweit bekannte Reisehandbuch in bester Gesellschaft. Denn schon 1790 schrieb Wilhelm von Humboldt an seine Braut Caroline von Dachroeden: “Die Gegend hat in der Tat etwas Romantisches, und für eine hiesige ist sie überschön. ” Auch Gottfried Keller fühlte sich während seines Berliner Aufenthaltes in den 1850er Jahren so zu dem “nordischen Geistersee” hingezogen, daß er ihn in einem seiner schönsten Gedichte verherrlichte:

“Fühlst nach der Heimat du das Weh, o Fremdling, dich durchschauern, Fahr’ auf dem nord’schen Geistersee, Hier ist es schön zu trauern.”

über Tegel, das bereits Julius Stindes “Wilhelmine Buchholz” aus der Landsberger Straße als Sommerfrische wählte, ist die weitere Umgebung vernachlässigt worden. So das früher im Zwickel der großen Bahnlinien und damit abseits liegende, sagenumwobene Heiligensee. Besser wurde es in dieser Beziehung, als man 1913 die gemeindeeigene elektrische Straßenbahn eröffnete. Alle 30 Minuten fuhr die “rote Linie” von Tegel nach Heiligensee, und die “Grüne” lief bis nach Tegelort, am Südende der fast sieben Kilometer langen Heiligenseer Gemarkung. Seit 1958 bringt uns der Autobus dorthin.

Die ungewöhnliche Ausdehnung der Feldmark findet in den schlechten Bodenverhältnissen ihre Erklärung. Am Elchdamm gibt es ja noch heute die unübersehbaren Dünenzüge der Baumberge, beinahe ein Stück Sahara auf märkischem Boden.

Dieser karge Sandboden, der trotz intensiver landwirtschafHicher Betätigung kaum einen bescheidenen Gewinn erbrachte, fand jedoch das Interesse wagemutiger Siedler aus Berlin. Sehr zur Freude der Heiligenseer Bauern und Kossäten verwandelte sich der “märkische Schnee” in erwünschtes Gold.

Der erste Kolonisator des “Hinterfeldes” war ein Kupferschmied Theodor Rohmann, der 1865 von dem Bauern Lemcke zwanzig Morgen Kuschelheide für 1000 Taler erwarb, ein Haus erbaute und seine anfänglich hier noch betriebene Kupferschmiede in eine Gastwirtschaft umwandelte. Sie besteht noch zwischen Havelufer und Steinadlerpfad: das unter dem Namen “Feengrotte” bekannte Ausflugslokal, als Keimzelle von Konradshöhe, wie Rohmann die Siedlung nach seinem ältesten Sohn Konrad taufte. Eine selbstgeschaffene Rohmannstraße wurde bald in Falkenhorststraße umbenannt. Man hatte nicht vergessen können, daß der alte Rohmann von jedem Ausflügler, der den durch seinen Lokalgarten führenden Uferweg passierte, einen Wegezoll in Gestalt eines Glases Bier forderte.

Hatte Rohmann 1865 den Morgen Land noch für 150 Mark bekommen, so mußte der Färber Karl Berger aus der Krausenstraße schon 780 Mark zahlen, als er sieben Jahre später, 1872, von der “verehelichten Kossät Christiane Caroline Grieft, geb. Bergemann, zu Heiligensee” einen Morgen Land im Hinterfeld kaufte, um dort Wohnhaus und Stall zu erbauen.

Als Berger im Frühjahr 1873 um die baupolizeiliche Genehmigung einkam, erkannte der zuständige Domänenrat in Spandau mit dem Scharfblick des leidgeprüften Verwaltungsbeamten, daß sich aus diesem Haus eine “neue Ansiedlung” entwickeln würde. Doch sein ablehnender Standpunkt und der Hinweis auf die im Ansiedlungsgesetz von 1845 festgelegten Bedingungen kamen zu spät, weil Berger bereits im Sommer 1872 “schwarz” gebaut hatte, und das Haus längst fertig und bezogen war, als er sein Baugesuch einreichte.

Tatsächlich ist dann aus dem Bergersehen Haus – dem ersten und ältesten in Tegelort – eine Villensiedlung von ein paar hundert Häusern mit einem Dutzend Gaststätten geworden. Die größte von diesen, der “Seegarten ” in der Scharfenberger Straße 26, hat sich im Laufe von hundert Jahren aus dem bescheidenen Häuschen des einstigen Färbers und späteren Schankwirts Berger zu seiner jetzigen Ausdehnung auf 2500 Garten- und 550 Saalplätze entwickelt.

Doch das alte Haus von 1872 steht noch immer, links vom Eingangsbau, der 1876 errichtet wurde; 1906 hat man es aufgestockt. Verhältnismäßig früh, 1889, baute Berger den noch vorhandenen Saal. Um die Baukosten aufzubringen, zweigte er von seinem auf über 15000 Quadratmeter angewachsenen Grundstück die Parzelle Scharfenberger Straße 27-28 ab und verkaufte sie an einen Steuererheber Kayser aus Berlin, der neben dem merkwürdigerweise auf rhombischem Grundriß aufgeführten Wohnhaus ein Wirtschaftsgebäude mit sogenannten »Angelstuben ” anlegte, in denen Kleinwohnungen mit Stube und Küche den leidenschaftlichen Petrijüngern für’s Wochenende zur Verfügung, standen.

Geangelt wird am Tegeler See bereits seit einigen hundert Jahren. Wenn auch die Feststellung des Predigers Schlüter aus Dalldorf (dem heutigen Wittenau) von 1714 “Der See ist sehr fischreich. Fische und Krebse sind sehr schmackhaft. Es werden gefangen große Hechte, schöne Zander, treffliche Barsche, Schleie, Brassen oder Bleie, auch zuweilen ungemeine Karpfen” – nicht mehr in allen Teilen zutrifft, so ist der See noch immer das Dorado der Berliner “Posenkieker” , oder wie sie sich sonst noch in ihren Vereinigungen nennen.

Das Bergersehe Lokal- um 1890 ging es in andere Hände über – hieß lange “Restaurant Tegelort”; eben, weil es das erste und älteste des bereits auf Karten aus der Zeit Friedrichs des Großen verzeichneten “Tegelschen Orts” war. In den zwanziger Jahren, als mittlerweile Wand an Wand insgesamt sechs Gartenlokale das schöne Seeufer gegenüber der Insel Scharfenberg erobert hatten, karn dann der Name “Seegarten” auf, und das “Heideschlößchen « wurde zu den “Seeterrassen « aufgewertet.

Einige von ihnen haben inzwischen ihre Pforten geschlossen und dem Trend der Zeit folgend, die 150 bis 200 Meter tiefen Ufergrundstücke durch moderne Wohnungsbauten rentabler nutzen lassen, als die kurze, an Risiken jeder Art und schlechtem Wetter reiche Saison den Lokalbesitzern bisher gestattete. Der “Seegarten ” jedoch wird zur Freude seiner im Sommer und Winter regelmäßig wiederkehrenden (und immer den gleichen Tisch und sogar denselben Stuhl verlangenden) Stammgäste ins zweite Jahrhundert gehen und die arg gefährdete Tradition der Berliner Ausflugsrestaurants weiterhin pflegen und bewahren.



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